Zurück Sexualerziehung zu den Themen Einwilligung und Grenzen in Beziehungen trägt dazu bei, Kinder schon im frühesten Alter vor Gewalt zu schützen

Europarat empfiehlt umfassende Sexualerziehung, erkennt dabei jedoch die Verantwortung der Eltern für die Erziehung ihrer Kinder an
Zur Empfehlung zur Sexualerziehung wurden Beiträge von 245 Kindern aus 12 europäischen Ländern gesammelt

Zur Empfehlung zur Sexualerziehung wurden Beiträge von 245 Kindern aus 12 europäischen Ländern gesammelt

Sichere, gesunde und respektvolle Beziehungen sind für das Wohlbefinden von Kindern von entscheidender Bedeutung. Eine umfassende Sexualerziehung hilft ihnen, die Konzepte von Einwilligung, körperlicher Unversehrtheit und Selbstbestimmung, aber auch von Grenzen und Machtverhältnissen zu verstehen. Außerdem ermöglicht sie es ihnen, Gefühle konstruktiv auszudrücken, verschiedene Formen von Gewalt zu erkennen und damit umzugehen – insbesondere sexuelle Gewalt und technologiegestützte Gewalt, sowohl online als auch offline, unabhängig davon, ob sie von Erwachsenen oder anderen Kindern ausgeht – sowie Zugang zu Meldemöglichkeiten und Unterstützungsangeboten zu erhalten.

In seiner neuen Empfehlung bekräftigt das Ministerkomitee des Europarates, dass die europäischen Regierungen eine umfassende Sexualerziehung gewährleisten sollten, die altersgerecht, inklusiv und wissenschaftlich fundiert ist. Es fügt hinzu, dass sie die erforderlichen rechtlichen oder politischen Rahmenbedingungen schaffen und angemessene finanzielle, materielle und personelle Ressourcen bereitstellen sollten, um diese Erziehung in allen geeigneten Bildungskontexten anzubieten, unabhängig davon, ob diese öffentlich oder privat, formal oder non-formal sind, und weist darauf hin, dass rechtliche oder faktische Ausnahmen von einer umfassenden Sexualerziehung den Schutz der Kinder vor jeglicher Form von Gewalt gefährden. Zu der Empfehlung gibt es einen Begründungstext.

Technologie hat Kinder anfälliger für Gewalt gemacht

Das Ministerkomitee des Europarates stellt mit ernsthafter Beunruhigung fest, dass die Anfälligkeit von Kindern für Gewalt durch den raschen technologischen Wandel verstärkt wird. Es äußert sich besorgt darüber, dass Kinder immer früher pornografischen Inhalten und Material über sexuellen Kindesmissbrauch ausgesetzt sind, welche die wichtigste Informationsquelle zum Thema Sexualität darstellen können und somit dazu beitragen, verzerrte Vorstellungen von Körper, Sexualität und Beziehungen zu fördern.

Die Empfehlung spiegelt die Standpunkte von 245 Kindern und jungen Menschen im Alter von 9 bis 22 Jahren aus 12 Ländern wider, die im Rahmen ihrer Ausarbeitung befragt wurden. Die Ergebnisse dieser Konsultationen zeigen, dass Kinder die Sexualerziehung, wie sie derzeit stattfindet, oft als begrenzt, freiwillig, biologisch ausgerichtet und nicht ausreichend altersgerecht empfinden, während wichtige Themen wie Einwilligung, Grenzen, Gewaltprävention, Vielfalt und Online-Risiken nur oberflächlich behandelt werden.

Kinder wünschen sich, dass die Sexualerziehung bereits im frühesten Kindesalter beginnt und sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt, sodass sie ihrer eigenen Entwicklung Rechnung trägt, auf verlässlichen und wissenschaftlich fundierten Informationen basiert und Themen wie Beziehungen, Emotionen, Einwilligung, Grenzen, sexuelle und Online-Gewalt, Vielfalt sowie Möglichkeiten, Hilfe zu suchen, behandelt. Die jungen Befragten betonten zudem, dass diese Erziehung in einem sicheren und vorurteilsfreien Umfeld stattfinden müsse und dass sie maßgeblich an der Gestaltung der Kursinhalte beteiligt werden sollten.

Sexualerziehung muss den gesellschaftlichen Kontext berücksichtigen

Das Ministerkomitee empfiehlt, Kindern Informationen über die Bedeutung der Einwilligung und über das gesetzliche Mindestalter für sexuelle Handlungen zu vermitteln, wobei klargestellt werden sollte, dass bestimmte sexuelle Handlungen unabhängig vom Alter des Opfers stets als illegal gelten, ungeachtet dessen, ob dieses zugestimmt oder angeblich „eingewilligt“ hat; dies ist beispielsweise der Fall, wenn eine Person, die eine anerkannte Vertrauens-, Autoritäts- oder Einflussposition innehat, sexuelle Handlungen mit einem Kind vornimmt. Die Lehrpläne sollten soziokulturelle Normen und Geschlechterstereotypen berücksichtigen.

Die Bezeichnung, welche die Mitgliedsstaaten für die umfassende Sexualerziehung verwenden, kann variieren, um den Zielgruppen der Kinder sowie den lokalen und kulturellen Kontexten gerecht zu werden und Inhalte widerzuspiegeln, die dem Alter und dem Entwicklungsstand der Kinder angemessen sind.

Die Eltern müssen einbezogen werden, und die Kinder müssen mitwirken können

Die Empfehlung erkennt an, dass in erster Linie die Eltern die Verantwortung für die Erziehung ihrer Kinder, die Gewährleistung ihrer Entwicklung und ihren Schutz vor Gewalt tragen. Sowohl vor als auch nach der Einführung einer umfassenden Sexualerziehung in die Lehrpläne sollten Eltern und andere Erziehungsberechtigte Zugang zu Informationen über deren Inhalte, Ziele und die Personen haben, die diese vermitteln könnten. Sie sollten außerdem über die verschiedenen Formen von Gewalt gegen Kinder informiert werden, darüber, wie man Anzeichen dafür erkennt und Hilfe erhält, sowie über pädagogische Ressourcen, mit denen sie die Fragen ihrer Kinder altersgerecht beantworten können.

Lehrkräfte müssen geschult werden

Die Empfehlung fordert die Einrichtung von Fortbildungen für das Bildungspersonal, um es für neue Formen von Gewalt gegen Kinder zu sensibilisieren, insbesondere für die Risiken im Zusammenhang mit technologiegestützter Gewalt. Sie ruft außerdem dazu auf, eine sinnvolle Beteiligung von Kindern sicherzustellen, die Arbeit der Zivilgesellschaft zu unterstützen und wirksame Systeme zur Überwachung, Bewertung und Datenerhebung vorzusehen.

Die Empfehlung des Ministerkomitees stützt sich auf die Lanzarote-Konvention des Europarates, der alle 46 Mitgliedsstaaten beigetreten sind. Das Übereinkommen (Artikel 6) verpflichtet die Staaten, Kinder über die Gefährdung durch sexuelle Ausbeutung und sexuellen Missbrauch aufzuklären. Vorausgegangen waren eine im Jahr 2024 durchgeführte Machbarkeitsstudie zur umfassenden Sexualerziehung, die Studie über sexuelle Gewalt und schädliches Sexualverhalten von Kindern sowie ein thematischer Leitfaden mit dem Titel „Schutz von Kindern vor den Gefahren durch den Zugang zu pornografischen Online-Inhalten“.


 Weitere Informationen zur Arbeit des Europarates im Bereich Kinderrechte

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