„Der Doge kann des Rechtes Lauf nicht hemmen, / Denn die Bequemlichkeit, die Fremde finden / Hier in Venedig, wenn man sie versagt, / Setzt die Gerechtigkeit des Staats herab, / Weil der Gewinn und Handel dieser Stadt / Beruht auf allen Völkern.“ – Antonio in „Der Kaufmann von Venedig“
Mit diesen Worten hat William Shakespeare 1600 seinen Finger auf etwas gelegt, das für das Funktionieren unserer heutigen Demokratien von zentraler Bedeutung ist: Der Doge von Venedig darf nicht in die Rechtsstaatlichkeit eingreifen. Dies würde dem Handel, der Gerechtigkeit und der Stadt schaden.
Dies ist ein Kampf, den wir lange vor jener Zeit ebenso geführt haben wie jeden Tag seither. Wie stellen wir sicher, dass der Konstitutionalismus das Herz unserer Institutionen bildet? Wie treten wir übermäßiger Macht des Staates oder einer Einzelperson entgegen, die der Demokratie oder den Menschenrechten schaden könnte? Wie stellen wir sicher, dass die Rechtsstaatlichkeit geachtet wird?
„Was gibt es Neues im Rialto?“
In Venedig zeigt derzeit eine Ausstellung mit dem Titel Demokratie durch Recht: Von der Serenissima-Republik zur Venedig-Kommission des Europarates (La Democrazia attraverso il Diritto. Dalla Serenissima Repubblica alla Commissione di Venezia del Consiglio d'Europa) die ungeheure Reise des europäischen Konstitutionalismus, von seinen spätmittelalterlichen Wurzeln bis zu den modernsten Mechanismen, insbesondere der Europäischen Menschenrechtskonvention, deren 75. Jahrestag am 4. November 2025 begangen wurde.
Die Durchlauchtigste Republik Venedig soll der Überlieferung zufolge im Jahr 697 gegründet worden sein und bestand bis zur Ankunft von Napoleon Bonaparte im Jahr 1796, womit die Geschichte des Staates nach fast 1.100 Jahren zu Ende ging. In dieser Zeit entwickelte sich eine Art protokonstitutionelles System, bei dem die Gründungsgesetze Venedigs, das Wahlsystem und der Schutz der Rechte im Vordergrund standen. Die Ausstellung zeigt Dokumente und Artefakte und bietet Einblicke, die Jahrzehnte demokratischer Entwicklung beleuchten. Zu den interessantesten Exponaten gehört das Abschlusszeugnis von Elena Lucrezia Corner Piscopia, der weltweit ersten Frau, die einen Doktorgrad erhielt.
Das Rechts- und Demokratiesystem der Republik Venedig wird in der Ausstellung mit der Funktionsweise des Europarates verglichen, der in der Ausstellung als „Eckpfeiler des Grundrechtsschutzes in Europa“ bezeichnet wird. Die Italienische Republik, für die Venedig einer der Vorläufer war, war Gründungsmitglied des Europarates, und sein beratendes Gremium für Verfassungsfragen – die Venedig–Kommission – wurde in dieser Stadt eingerichtet und hält heute dort seine Plenarsitzungen ab (die Ausstellung wurde anlässlich des 35-jährigen Bestehens dieses weltweit anerkannten Gremiums organisiert, das heute 61 Mitglieder aus der ganzen Welt zählt).
„Im Recht, wo ist ein Handel so verderbt, der nicht … des Bösen Schein verdeckt?“
Dies ist eine einzigartige und wertvolle Ausstellung, die Kulisse ist indes ebenso spektakulär: Sie ist in den Wohnräumen des Dogen im Palazzo Ducale (dem Dogenpalast) am Markusplatz zu sehen.
Die Ausstellung wird bis zum 6. Januar 2026 zu sehen sein. Wenn Sie in den Ferien in Italien sind, lohnt es sich, sich die Zeit zu nehmen, die Ausstellung zu besuchen (Eintrittskarten online verfügbar).
Wir sollten uns daran erinnern, dass wir seit den Ursprüngen im Mittelalter und angesichts des gegenwärtigen demokratischen Rückschritts heute mehr konstitutionelle Demokratie und Beschränkungen für den Missbrauch staatlicher Macht haben als jemals zuvor in der Geschichte. Wie Shakespeare es ausdrückte: „Ach 's ist groß, des Riesen Kraft besitzen; doch tyrannisch, dem Riesen gleich sie brauchen.“

