Als die Ärztin Mariam* aus ihrer Heimat nach Armenien floh, blickte sie bereits auf mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung als Medizinerin zurück. Worauf sie weder das System noch ihre medizinische Ausbildung vorbereitet hatten, war die Überbrückung der Kluft zwischen ihrer eigenen Fluchterfahrung und den Anforderungen eines neuen Gesundheitswesens sowie zwischen den Bedürfnissen ihrer Patientinnen und Patienten und deren Fähigkeit, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden.
Wie viele Gesundheitsfachpersonen mit Fluchthintergrund befand sich Mariam zwischen zwei Welten: Sie war zwar für die Ausübung des Arztberufs ausgebildet, aber mit dem anderen System nicht vertraut und unsicher, wie sie Patientinnen und Patienten helfen sollte, die mit einem ähnlichen Problem konfrontiert waren. Damit ist sie bei Weitem nicht allein. In ganz Europa hat fast die Hälfte der Bevölkerung – insbesondere Menschen in besonders prekären Lebenssituationen – Schwierigkeiten, grundlegende Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen und zu nutzen. Dieses Defizit verschlimmert Ungleichheit und belastet das Gesundheitssystem und die Gesellschaft zusätzlich.
Was ist Gesundheitskompetenz?
Dieser Begriff beschreibt die Fähigkeit von Individuen, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen und zu nutzen. Um dies zu erreichen, sind indes gerechtere, widerstandsfähigere und auf Rechten basierende Gesundheitssysteme erforderlich, da Gesundheitskompetenz oft als „Problem“ der Patientinnen und Patienten dargestellt wird, bei dem sich die Menschen ändern und das System besser verstehen müssen. Was aber, wenn sich Institutionen und das System selbst ändern müssen?
Das fehlende Bindeglied in der Gesundheitskompetenz ist Kommunikation
Dieses Umdenken stand im Mittelpunkt einer Veranstaltung des Europarates, die in Gjumri, Armenien, stattfand. Mariam nahm mit Dutzenden anderer medizinischer Fachkräfte an einem intensiven Workshop teil. Das Ziel war nicht, mehr über Medizin zu lernen, sondern besser zu verstehen, wie Patientinnen und Patienten befähigt werden können, an den Entscheidungen über ihre Gesundheit teilzuhaben, wie die getroffenen Entscheidungen kommuniziert werden können und dadurch Stigmatisierung und Diskriminierung im Gesundheitsbereich abgebaut werden.
Durch Rollenspiele, geführte Diskussionen und realitätsnahe Szenarien übten die Teilnehmenden Fähigkeiten ein, die in der medizinischen Standardausbildung selten vorkommen: Wie man Patientinnen und Patienten vom ersten Moment an das Gefühl gibt, sicher zu sein und respektiert und verstanden zu werden; wie man eine Diagnose verständlich erklärt; wie man Patientinnen und Patienten dabei unterstützt, eine fundierte Entscheidung über ihre eigene Versorgung zu treffen; und wie man sicherstellt, dass Dienstleistungen, einschließlich digitaler, für alle zugänglich sind, auch für Menschen in gefährdeten Situationen. Dies entspricht den Bedürfnissen aller, einschließlich Menschen in prekären Situationen wie Migranten und Flüchtlinge.
Indem der Europarat Gesundheitsfachpersonen mit Fluchthintergrund dabei unterstützt, als „Brücken“ zwischen öffentlichen Einrichtungen und Vertriebenengemeinschaften zu fungieren, stellt er sicher, dass das Recht auf Gesundheit für alle eine konkrete Bedeutung erhält.
Ein System, das die Sprache der Menschen spricht
Die ersten Ergebnisse zeigen sich bereits. Die Teilnehmenden verließen die Veranstaltung nicht nur mit neuen Werkzeugen, sondern auch mit einem anderen Verständnis ihrer Rolle.
„Wir haben gelernt, dass Gesundheitskompetenz keine Einbahnstraße ist“, so Mariam. „Institutionen erwarten normalerweise, dass die Öffentlichkeit sie versteht. Aber wir sind diejenigen, die unseren Patientinnen und Patienten helfen sollten, das System zu verstehen. Wenn sie die Klinik verlassen und ihre Versorgung wirklich verstehen, werden sie nicht nur gesünder, sie gewinnen auch das Vertrauen in das System zurück.“
Armenien arbeitet mit Unterstützung des Europarates daran, die Beziehung zwischen Gesundheitseinrichtungen und den Menschen, denen sie dienen, zu stärken und sicherzustellen, dass der Zugang zur Gesundheitsversorgung nicht davon abhängt, wo eine Person geboren wurde, welche Sprache sie spricht oder wie sie nach Armenien gekommen ist. Die Arbeit des Europarates in diesem Bereich orientiert sich an der Europäischen Sozialcharta und dem Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin (Oviedo-Konvention) und baut auf dem Leitfaden des Europarates für Gesundheitskompetenz und dem Bericht Förderung von Gesundheitskompetenz und Menschenrechten zur Verringerung von Stigmatisierung und Diskriminierung auf.
Generalsekretär Alain Berset betonte am Weltgesundheitstag 2026: „Indem wir den gerechten Zugang zur Gesundheitsversorgung stärken, das Wissen über Gesundheit fördern und die Menschenwürde wahren, festigen wir die Grundlagen für widerstandsfähige, inklusive und stabile Gemeinschaften. Die Gesundheit zu schützen, bedeutet auch, die demokratischen Werte zu schützen, die uns verbinden.“
* Name aus Datenschutzgründen geändert
Die Veranstaltung wurde vom Europarat im Rahmen seines Projekts „Schutz der Menschenrechte in der Biomedizin III“ organisiert, das im Rahmen des Aktionsplans des Europarates für Armenien 2023–2026 umgesetzt wird. Die Initiative ist Teil des umfassenden Pakets des Europarates in Höhe von 2,8 Mio. €, das 2024 als Reaktion auf den Flüchtlingszustrom nach Armenien im Jahr 2023 gestartet wurde. Im Rahmen dieser Komponente des Projekts erhielten 200 geflüchtete Gesundheitsfachpersonen eine akkreditierte Schulung zu nationalen und europäischen Menschenrechtsnormen in der Biomedizin im Einklang mit der Oviedo-Konvention, um dazu beitragen, dass sie ihre berufliche Tätigkeit in Armenien ausüben zu können.
Weitere Informationen über die Arbeit des Europarates zum Thema Gesundheit

