Sprachliche Integration

Diese Übersetzung wurde angefertigt durch: Waltraud Hassler und Sibylle Plassmann, LAMI Group members (ALTE)

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Die Integration von gerade eingetroffenen Migranten ist ein vielschichtiger Prozess und deshalb ist eine Evaluation aufwendig.

Es wurden mehrere Messgrößen entwickelt, um zu beurteilen, wie erfolgreich die Anpassung an eine andere Gesellschaft war. Diese basieren auf weiter gefassten Bereichen wie sozialer Integration, Gesundheit etc. und eher spezifischeren Indikatoren (Einkommen, Erwerbstätigkeit, Unterbringung, Ausbildung, Teilhabe an der Gesellschaft usw.), wie sie von Eurostat entwickelt wurden (Indicators of Immigrant Integration, 2011). Diese Analysemethoden beinhalten oftmals keine Kriterien, die direkt mit Sprachen in Verbindung stehen, obwohl die Sprache des aufnehmenden Staates für erwachsene Migranten mehr oder weniger entscheidend ist, vor allem in Fällen von langfristigen Aufenthalten.

Die echte Integration von Migranten in ihre neue Gesellschaft beinhaltet auch Bemühungen, die über die spezifischen Schritte hinausgehen, die unternommen werden, um diese willkommen zu heißen. Die Anerkennung neuer Formen von sozialem Verhalten, unter der Voraussetzung, dass diese die Grundwerte der Demokratie nicht verletzen, erfordert, dass die betroffene Gesellschaft offen gegenüber Andersartigkeit und tolerant gegenüber Wandel ist. Es ist wichtig, dass dieses "gemeinschaftliche Sich-selbst-Hinterfragen", das eine Herausforderung für die natürliche Trägheit des dauerhaften Kulturwandels darstellt, von Bildungsmaßnahmen begleitet wird, die für jedermann überall von Nutzen sind. (vgl. Weißbuch).
 

Der spezifische Charakter sprachlicher Integration

Obwohl es möglich ist, den Begriff „sprachliche Integration“ zu verwenden, kann diese Art der Integration auf keinen Fall mit anderen gleichgesetzt werden. Denn Sprachen dürfen nicht nur als praktisches Mittel zur Kommunikation betrachtet werden, die man sich lediglich aneignen muss, so wie Migranten schließlich Unterkunft und Arbeit finden. Sprachen können auch dazu eingesetzt werden, um sowohl für den Einzelnen als auch für Gruppen kulturelle Identitäten aufzubauen, Als Identitätsmerkmale, die übernommen, festgelegt, beansprucht oder lediglich toleriert werden, spielen Sprachen eine Rolle bei der Schaffung von sozialen und kulturellen Unterschieden, genauso wie religiöse Überzeugungen oder die Kleidung. Demnach ist das Lernen und der Gebrauch einer neuen Sprache – der Sprache des aufnehmenden Staates – oder die Verwendung anderer Sprachen, die der Migrant bereits beherrscht, die aber der einheimischen Bevölkerung unbekannt sind, nicht nur eine praktische Angelegenheit, sondern setzt möglicherweise auch Prozesse in Gang, die zu einem Infragestellen von Identitäten führt.
 

Sprachliche Integration: ein asymmetrischer Prozess

Die sprachliche Integration von Migranten, die in der aufnehmenden Gesellschaft andere Sprachen sprechen, ist kein symmetrischer Prozess. Bei den Mitgliedern der aufnehmenden Gesellschaft kann das offensichtliche Vorhandensein neuer Sprachen Sorgen oder Ängste um die nationale Identität auslösen. Damit einhergehen Ängste vor Herausforderungen für die (oftmals nur in der Vorstellung existierende) sprachliche Einheit oder der Verfall der vorherrschenden Sprache als Ergebnis der „Kontaminierung“ durch andere Sprachen, wobei nicht unbedingt nur die von den Migranten verwendeten Sprachen gemeint sind. Die Menschen empfinden es als schwierig, eine neue Form der Vielfalt zu akzeptieren, die die traditionelle sprachliche Vielfalt ihres Heimatlandes ersetzt (regionale Sprachvarietäten und Minderheitensprachen). Diese Reaktionen entstehen auf einer ideologischen Ebene, obwohl der Einzug neuer Sprachen in ein bestimmtes Gebiet keine direkten Auswirkungen auf die ansässige Bevölkerung hat. Für diese besteht keine Notwendigkeit, die neuen Sprachen zu lernen.

Für Migranten sind diese Themen jedoch dringlich und haben andere Folgen: Sie sehen das Erlernen einer Varietät der vorherrschenden Sprache ihrer neuen Heimat vielleicht als eine Art Bereicherung ihrer Identität an oder sie fühlen sich dadurch verletzlicher. Andererseits könnte das Erlernen der neuen Sprache für sie Leid mit sich bringen (durch das Unvermögen, sich auszudrücken) oder möglicherweise ihre bereits bestehende Identität untergraben. Sie könnten zu Recht befürchten, dass die zu lernende Sprache ihre bisher gesprochenen Sprachen (ihre Muttersprache eingeschlossen) aus funktionalen Gründen „verdrängen“ wird und dies zum Verlust eines „Zugehörigkeitsgefühls“ führt.

Während für die einheimische Bevölkerung ihr Verständnis von nationaler Identität auf dem Spiel steht, steht für Migranten unter Umständen sowohl ihre kulturelle Identität als auch ihre Gruppenzugehörigkeit in Frage. Der Preis für Integration ändert sich mit dem Blickwinkel.
 

Sprachliche Integration: ein einseitiger Prozess?

Die Vorstellung von sprachlicher Integration ist oftmals nur die Meinung der einheimischen Bevölkerung dazu, was die Pflicht der Neuankömmlinge sei, und spiegelt nicht notwendigerweise das Hauptziel der Migranten wider. Unter „Integration“ wird tatsächlich oft verstanden, dass sich Migranten nicht oder nur in geringem Maße von anderen Sprechern unterscheiden (z. B. durch einen leichten Akzent) oder dass sie ihre anderen Sprachen in der Öffentlichkeit nicht verwenden und diese vergessen. Bei dieser Sichtweise von Integration sollten Migranten sprachlich unauffällig sein und die „normale“ Sprache der Einheimischen benutzen. Dies ist eine externe Interpretation, die den Wünschen bestimmter Muttersprachler entspricht, und zwar die stufenweise Beseitigung von Unterschieden in Kombination mit sprachlicher Vereinheitlichung. Diese Interpretation verlangt von den erwachsenen Migranten auch sehr fortgeschrittene Kenntnisse in der vorherrschenden Sprache/Amtssprache, was als Nachweis für deren Loyalität und Treue gegenüber dem Gastland wahrgenommen wird. Schlussendlich werden also gute Sprachkenntnisse mit Staatsangehörigkeit gleichgesetzt: „Jemand, der (gut) Französisch spricht, ist Franzose.“

Diese auf Assimilierung abzielenden Erwartungen können durch die Neugier auf unbekannte Sprachen ausgeglichen werden, durch den Wunsch, diese zu erlernen, durch Großzügigkeit gegenüber Fehlern oder Schwierigkeiten von Migranten, sich auszudrücken, und die Akzeptanz des Gebrauchs anderer Sprachen in der Öffentlichkeit oder in den Medien. Diese eher positiven Einstellungen können vom Ausmaß der Legitimität abhängen, die den Sprachen beigemessen wird (Sprachen von Migranten versus Sprachen von Fremden) und zu einem großen Teil auch vom Ausmaß an Akzeptanz gegenüber einer ererbten Vielfalt. Diese positiven Einstellungen sollten durch alle Formen interkultureller Bildung gefördert werden.

Die Haltung des Europarats dazu ist, dass die oben angeführte externe Definition von sprachlicher Integration weder mit den wahren Bedürfnissen der aufnehmenden Gesellschaft noch mit den Erwartungen der Migranten selbst und den Rechten übereinstimmt, die man ihnen einräumen sollte. Aus der Innenperspektive sollte Integration nicht ausschließlich in Bezug auf das Erlernen der Mehrheits-/vorherrschenden Sprache definiert werden, sondern in Bezug auf das sprachliche Repertoire jedes Einzelnen. Vom Standpunkt der Migranten aus sollte sprachliche Integration dementsprechend als Anpassung an ihr (neues) Kommunikationsumfeld verstanden werden, d. h. als eine Neuordnung ihrer individuellen Repertoires und die Integration der Sprachen, die diese Repertoires bilden.
 

Formen sprachlicher Integration

Von diesem Standpunkt aus betrachtet sind mehrere Formen sprachlicher Integration denkbar und mindestens ebenso viele Wege, individuelle sprachliche Repertoires an eine neue sprachliche Umgebung anzupassen. Sie spiegeln die verschiedenen Ziele und Bedürfnisse von Migranten (oder anderen Gruppen) wider. Ob die Anpassungen zufriedenstellend sind oder nicht, muss jeder einzelne Betroffene selbst entscheiden.

Eine Unterscheidung kann getroffen werden zwischen:

  • Geringer Integration der Sprachen im Repertoire: Die sprachlichen Ressourcen des individuellen Repertoires sind unausgeglichen, denn die Ressourcen in der Mehrheitssprache sind nicht ausreichend, um Gesprächssituationen erfolgreich und ohne wesentliche Anstrengungen bewältigen zu können. Kommunikation setzt oft die Beteiligung Dritter voraus und ihr Erfolg hängt im Wesentlichen von dem sprachlichem Entgegenkommen der anderen Sprecher ab. Dies kann zu sozialer Selbstzensur führen: Migranten nehmen an bestimmten Aktivitäten nicht teil oder vermeiden diese, da sie ihnen sprachlich als zu große Herausforderung erscheinen. Sie empfinden ihr Repertoire vielleicht als wirkungslos und als Quelle für Frustration. Das kann dazu führen, dass sie von Muttersprachlern „ausgeschlossen“ werden. Migranten könnten von ihnen jedoch genauso gut auch akzeptiert werden, wenn ihren bisherigen Sprachen mehr Wert beigemessen und der Mehrheitssprache der aufnehmenden Gesellschaft eine rein praktische Rolle zugewiesen wird. Sie müssten ihre Kenntnisse in der neuen Sprache dann nicht weiter vertiefen. Ihre Herkunftssprache könnte so ihre Funktion als Identitätsmerkmal beibehalten.
  • Funktionaler Integration der Sprachen im Repertoire: Die Ressourcen des Repertoires (in erster Linie in der Mehrheitssprache) reichen aus, um in den meisten Situationen sozialer, beruflicher und persönlicher Kommunikation (relativ) erfolgreich bestehen zu können, und genügen zur Sicherstellung, dass die meisten Unterhaltungen erfolgreich verlaufen. Es mag Fehler oder Beispiele für Fossilierungen geben, die die Migranten ignorieren können, wenn sie hauptsächlich an der Effektivität interessiert sind. Sie könnten auch versuchen sich damit auseinanderzusetzen, in der Absicht, größere sprachliche „Einbürgerung“ zu erreichen und weniger aufzufallen, wenn sie glauben, dass dies nützlich und angemessen ist. In diesem Fall hat die Herkunftssprache keine wirklich bedeutende identitätsstiftende Funktion.
  • Integration der Sprachen im Repertoire: Die Migranten ordnen ihre Repertoires aktiv neu und integrieren die Mehrheitssprache, die dann ihren Platz neben den anderen Sprachen einnimmt, die sie bereits beherrschen. Sie stellt keine Belastung mehr dar und kann nun ganz natürlich verwendet werden, indem die Sprecher je nach sozialer Situation zwischen den Sprachen wechseln. In diesem Fall kann die Herkunftssprache, die bis dahin vielleicht die einzige identitätsstiftende Sprache war, gemeinsam mit der Mehrheitssprache eine Identität bilden. So gesehen entspricht die Tatsache, dass es mehrere identitätsstiftende Sprachen in einem Repertoire gibt, einer doppelten Staatsangehörigkeit. Dadurch kann die Herkunftssprache der Migranten einen solchen Wert erlangen, dass man sie weitergeben möchte. Vom Standpunkt der Identität aus gesehen ist es jedoch das neu geordnete Repertoire, das nun ausschlaggebend ist.
     

Diese wenn auch abstrakten Formen der Sprachintegration in das Repertoire von Migranten hängt wahrscheinlich davon ab, welcher Wert  den in ihrem Repertoire vorhandenen Sprachen vor ihrer Ankunft in der aufnehmenden Gesellschaft beigemessen wurde, Der Grad des Erfolgs bei der Integration von Sprachen in das Repertoire ist quantitativ nicht bestimmbar (z. B. geringe Integration, funktionale Integration, echte Integration). Die folgenden Formen der sprachlichen Integration und ihre Varianten stehen den erwachsenen Migranten offen:

  • Die Entscheidung, ihr Repertoire nicht zu verändern, d. h. kein systematisches Erlernen der Hauptsprache der aufnehmenden Gesellschaft. Die Migranten ertragen den funktionalen Druck, diese nicht verwenden zu können, vor allem wenn sie die meiste Zeit in Umgebungen verbringen, in denen ihre Herkunftssprache dominiert.
  • Der Wunsch nach Veränderung des Repertoires ist gegeben, kann jedoch aufgrund von Zeitmangel oder fehlendem Selbstbewusstsein etc. nicht umgesetzt werden, was zu psychologischen und sozialen Belastungen führt.
  • Das Bestreben, ihr Repertoire funktional umzugestalten, ohne jedoch eine normative Anpassung erreichen zu wollen, d. h. Fossilierungen werden akzeptiert, ein nicht-muttersprachlicher Akzent wird beibehalten und kulturell bedingte Kommunikationsgewohnheiten werden in die Zielsprache übertragen etc. Dies alles ist Teil einer Sprachstrategie, die auf einer einzelnen Identität basiert, d. h. durch die Herkunftssprache des Migranten bestimmt wird.
  • Das Bestreben, das sprachliche Repertoire umzugestalten, um eine „sprachliche Einbürgerung“ zu erreichen. Dies beinhaltet das schrittweise Aufgeben der Herkunftssprache und letztendlich ihr Verschwinden, so dass sie nicht an die folgenden Generationen weitergegeben wird. Auch dieses Vorgehen ist Teil einer Sprachstrategie basierend auf einer einzelnen Identität, die von der Sprache der aufnehmenden Gesellschaft bestimmt ist.
  • Das Bestreben, das funktionale Repertoire neu zu gestalten, aber mit zwei gemeinsamen identitätsstiftenden Sprachen.

Es bleibt den Migranten überlassen, für sich selbst, für ihre Familien und für ihre Kinder zu entscheiden, welche dieser Sprachstrategien am besten zu ihren Zielen im Leben und ihrem Identitätsmanagement passt. Die Aufgabe des Sprachunterrichts ist, sie über die Konsequenzen dieser Entscheidungsmöglichkeiten zu informieren und ihnen zu erklären, dass Migration für die Identität notwendigerweise einen Prozess der Anpassung und Umstellung mit sich bringt. Dieser Prozess sollte mit Pluralität und Durchmischung im Sinn gehandhabt werden und nicht mit nostalgischer Inflexibilität.

Während des Sprachunterrichts könnte man die Sprachnutzer bitten, sich darüber Gedanken zu machen, wie man Code-Shifting bewältigen kann, z. B. über das sogenannte "Micro-Shifting" innerhalb derselben kommunikativen Situation (abhängig von den Teilnehmenden und deren Toleranz gegenüber sprachlicher Vielfalt) oder die Verteilung von zwei oder mehr Sprachen innerhalb ihres gesamten sozialen Austauschs ("Macro-Shifting"). Auf jeden Fall legt die Tatsache, dass Migranten zwischen den verschiedenen Arten der Anpassung wählen könnten, nahe, dass Vorkehrungen getroffen werden müssen, um sich die Ansichten der Migranten anzuhören und um maßgeschneiderte Kurse zu entwerfen und zu verwalten.

JCB