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Sammlung Europäischer Verträge - Nr. 102

Europäisches Übereinkommen über den Schutz von Schlachttieren *

Straßburg/Strasbourg, 10.V.1979

Amtliche Übersetzung Deutschlands


Die Mitgliedstaaten des Europarats, die dieses Übereinkommen unterzeichnen,

von der Erwägung geleitet, daß es wünschenswert ist, den Schutz der Schlachttiere sicherzustellen;

in der Erwägung, daß Schlachtmethoden, die den Tieren nach Möglichkeit Leiden und Schmerzen ersparen, in ihren Ländern einheitlich angewendet werden sollten;

in der Erwägung, daß Furcht, Angst, Leiden und Schmerzen eines Tieres während des Schlachtens die Fleischqualität beeinflussen können,

sind wie folgt übereingekommen:

Kapitel I – Allgemeine Grundsätze

Artikel 1

1Dieses Übereinkommen gilt für das Verbringen, die Unterbringung, das Ruhigstellen, Betäuben und Schlachten folgender Haustiere: Einhufer, Wiederkäuer, Schweine, Kaninchen und Geflügel.

2Im Sinne des Übereinkommens bedeutet:

"Schlachtanlage" jede unter gesundheitsbehördlicher Überwachung stehende Anlage oder Einrichtung, in der Tiere zur Gewinnung von Nahrungsmitteln für den allgemeinen Verbrauch gewerbsmäßig geschlachtet oder aus anderen Gründen getötet werden;

"Verbringen" das Ausladen oder Treiben von Tieren von Laderampen oder von Ställen oder Pferchen der Schlachtanlage bis zu den Schlachträumen oder Schlachtstellen;

"Unterbringung" das Halten von Tieren in Ställen, Pferchen oder überdachten Standplätzen der Schlachtanlage, um ihnen die notwendige Pflege vor dem Schlachten zukommen zu lassen (Tränke, Futter, Ruhe);

"Ruhigstellen" die Anwendung eines Verfahrens nach diesem Übereinkommen bei einem Tier, um zur Erleichterung des Betäubens oder Schlachtens seine Bewegungen einzuschränken;

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(*)Der Vertrag von Lissabon zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft in Kraft am 1. Dezember 2009 in Kraft. Als Konsequenz ab diesem Zeitpunkt gilt jede Bezugnahme auf die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft die Europäische Union zu lesen.

"Betäuben" jedes Verfahren nach diesem Übereinkommen, dessen Anwendung das Tier in einen Zustand der Bewußtlosigkeit versetzt, in dem es bis zum Eintritt des Todes verbleibt. Beim Betäuben müssen in jedem Fall vermeidbare Leiden der Tiere ausgeschlossen werden;

"Schlachten" das Töten eines Tieres nach dem Ruhigstellen, Betäuben und Ausbluten, abgesehen von den Ausnahmen nach Kapitel III.

Artikel 2

1Jede Vertragspartei trifft die erforderlichen Maßnahmen, um die Durchführung dieses Übereinkommens sicherzustellen.

2Dieses Übereinkommen hindert die Vertragsparteien nicht daran, strengere Vorschriften zum Schutz der Tiere zu erlassen.

3Jede Vertragspartei sorgt dafür, daß Planung, Bau und Einrichtung der Schlachtanlagen sowie deren Betrieb den in diesem Übereinkommen vorgesehenen angemessenen Bedingungen entsprechen, damit den Tieren vermeidbare Erregung, Schmerzen oder Leiden erspart bleiben.

4Jede Vertragspartei sorgt dafür, daß den Schlachttieren innerhalb oder außerhalb von Schlachtanlagen alle vermeidbaren Schmerzen oder Leiden erspart werden.

Kapitel II – Lieferung der Tiere an Schlachtanlagen und ihre Unterbringung bis zum Schlachten

Artikel 3

1Die Tiere sind so bald wie möglich auszuladen. Während der Wartezeiten in den Transportmitteln sind sie vor extremen Witterungseinflüssen zu schützen und angemessen mit Frischluft zu versorgen.

2Das mit dem Verbringen und der Unterbringung der Tiere betraute Personal muß die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen und die Anforderungen dieses Übereinkommens beachten.

Abschnitt I – Verbringen der Tiere innerhalb der Schlachtanlagen

Artikel 4

1Die Tiere sind schonend auszuladen und wegzubringen.

2Für das Ausladen der Tiere sind geeignete Vorrichtungen wie Brücken, Rampen oder Treibgänge zu verwenden. Diese Vorrichtungen müssen mit einem trittsicheren Boden und, sofern erforderlich, mit einem Seitenschutz versehen sein. Die Brücken, Rampen und Treibgänge müssen eine möglichst geringe Neigung haben.

3Die Tiere dürfen weder in Angst noch in Erregung versetzt werden. In jedem Fall ist dafür zu sorgen, daß die Tiere nicht umgeworfen werden und nicht von den Brücken, Rampen oder Treibgängen herunterfallen können. Insbesondere ist es verboten, Tiere am Kopf, an den Füßen oder am Schwanz auf eine Weise hochzuheben, die ihnen Schmerzen oder Leiden zufügt.

4Wenn nötig, sind die Tiere einzeln zu führen; werden sie durch Treibgänge verbracht, so müssen diese so beschaffen sein, daß sich die Tiere nicht verletzen können.


Artikel 5

1Beim Verbringen der Tiere ist ihr Herdentrieb auszunutzen. Treibhilfen dürfen nur zum Leiten der Tiere und nur während kurzer Zeit verwendet werden. Insbesondere ist es verboten, die Tiere auf besonders empfindliche Körperstellen zu schlagen oder gegen solche Stellen zu stoßen. Elektrische Treibhilfen dürfen nur bei Rindern und Schweinen und nur unter der Voraussetzung verwendet werden, daß die Stromstöße nicht länger als zwei Sekunden dauern, in angemessenen Zeitabständen verabfolgt werden und die Tiere über den erforderlichen Raum zum Ausweichen verfügen; die Stromstöße dürfen nur auf die geeignete Muskulatur verabfolgt werden.

2Das Quetschen, Drehen oder Brechen des Schwanzes der Tiere oder das Greifen in ihre Augen sind verboten. Grobe Stöße, insbesondere Fußtritte, sind verboten.

3Mit Käfigen, Körben oder Kisten, in denen Tiere transportiert werden, ist sorgfältig umzugehen; es ist verboten, sie auf den Boden zu werfen oder umzustürzen.

4Die in Käfigen, Körben oder Kisten mit nachgebendem oder perforiertem Boden angelieferten Tiere sind mit besonderer Sorgfalt auszuladen, um Verletzungen der Extremitäten zu vermeiden. Gegebenenfalls sind die Tiere einzeln auszuladen.

Artikel 6

1Die Tiere dürfen erst unmittelbar vor dem Schlachten zur Schlachtstelle geführt werden.

2Tiere, die nicht unmittelbar nach ihrer Ankunft geschlachtet werden, sind unterzubringen.

Abschnitt II – Unterbringung der Tiere

Artikel 7

1Die Tiere sind vor ungünstigen Witterungs- oder Klimaeinflüssen zu schützen. Die Schlachtanlagen müssen mit ausreichenden Ställen und Pferchen ausgestattet sein, in welchen die Tiere geschützt vor Witterungsunbilden untergebracht werden können.

2Der Boden der Flächen, auf denen die Tiere ausgeladen, getrieben, warten gelassen oder untergebracht werden, muß trittsicher sein. Er muß gereinigt und desinfiziert werden können; Flüssigkeiten müssen vollständig abfließen können.

3Die Schlachtanlagen müssen überdachte Standplätze mit Krippen, Tränken und Anbindevorrichtungen haben.

4Tiere, die über Nacht in der Schlachtanlage bleiben müssen, sind unterzubringen und wenn nötig so anzubinden, daß sie sich niederlegen können.

5Tiere, die sich aufgrund ihrer Art, ihres Geschlechts, ihres Alters oder ihrer Herkunft untereinander nicht vertragen, sind getrennt zu halten.

6Sind die Tiere in Käfigen, Körben oder Kisten transportiert worden, so sind sie möglichst bald zu schlachten; anderenfalls sind sie nach Maßgabe des Artikels 8 zu tränken und zu füttern.

7Waren Tiere hohen Temperaturen bei feuchtem Wetter ausgesetzt, so muß für ihre Erfrischung gesorgt werden.

8Wenn die klimatischen Verhältnisse – z. B. hohe Luftfeuchte, niedrige Temperaturen – es erfordern, sind die Tiere in gut belüfteten Ställen unterzubringen. Diese sind während der Fütterung ausreichend zu beleuchten.

Abschnitt III – Pflege der Tiere

Artikel 8

1Tiere, die nicht so bald wie möglich zur Schlachtstelle geführt werden, sind mit Wasser zu versorgen.

2Tiere, die nicht innerhalb von zwölf Stunden nach ihrer Ankunft geschlachtet werden, sind in angemessenen Zeitabständen mäßig zu füttern und zu tränken.

3Sind die Tiere nicht angebunden, so müssen Freßplätze vorgesehen sein, die den Tieren ein ungestörtes Fressen ermöglichen.

Artikel 9

1Das Befinden und der Gesundheitszustand der Tiere sind mindestens jeden Morgen und jeden Abend zu überprüfen.

2Kranke, geschwächte oder verletzte Tiere sind sofort zu schlachten. Ist dies nicht möglich, so sind sie abzusondern, um sie so bald wie möglich zu schlachten.

Abschnitt IV – Sonstige Bestimmungen

Artikel 10

Für Rentiere kann jede Vertragspartei Ausnahmen von den Bestimmungen dieses Kapitels zulassen.

Artikel 11

Jede Vertragspartei kann vorschreiben, daß die Bestimmungen dieses Kapitels sinngemäß für die Lieferung und die Unterbringung von Tieren außerhalb von Schlachtanlagen gelten.

Kapitel III – Schlachten der Tiere

Artikel 12

Die Tiere sind, wenn nötig, unmittelbar vor dem Schlachten ruhigzustellen und, abgesehen von den in Artikel 17 vorgesehenen Ausnahmen, nach geeigneten Verfahren zu betäuben.

Artikel 13

Im Fall des rituellen Schlachtens sind Tiere der Gattung Rind vor dem Schlachten mit Hilfe mechanischer Vorrichtungen ruhigzustellen, um ihnen alle vermeidbaren Schmerzen, Leiden, Erregungen, Verletzungen oder Quetschungen zu ersparen.

Artikel 14

Zwangsmaßnahmen, die vermeidbare Leiden verursachen, dürfen nicht angewandt werden; die hinteren Gliedmaßen der Tiere dürfen nicht zusammengebunden werden; vor dem Betäuben, beim rituellen Schlachten vor Abschluß des Ausblutens, dürfen die Tiere nicht aufgehängt werden. Das Verbot, Tiere aufzuhängen, gilt jedoch nicht für das Schlachten von Geflügel und Kaninchen, wenn diese Tiere unmittelbar nach dem Aufhängen betäubt werden.


Artikel 15

Andere Schlachtarbeiten als die in Artikel 1 Abs. 2 genannten dürfen erst nach dem Tod des Tieres vorgenommen werden.

Artikel 16

1Die von den Vertragsparteien zugelassenen Betäubungsverfahren müssen bei den Tieren einen bis zum Ende des Schlachtens anhaltenden Zustand der Bewußtlosigkeit bewirken, um ihnen somit alle vermeidbaren Leiden zu ersparen.

2Die Verwendung der Puntilla, des Schlaghammers und des Schlachtbeils ist verboten.

3Für Einhufer, Wiederkäuer und Schweine sind nur folgende Betäubungsverfahren erlaubt:

mechanisches Betäuben mit Geräten, die das Gehirn erschüttern oder durchstoßen;

elektrisches Betäuben;

Betäuben mit Gas.

4Jede Vertragspartei kann Ausnahmen von den Absätzen 2 und 3 zulassen für den Fall, daß der Tierhalter das Tier für seinen Eigenverbrauch an dem Ort schlachtet, wo es gehalten wird.

Artikel 17

1Jede Vertragspartei kann Ausnahmen von den Bestimmungen über das vorherige Betäuben zulassen für:

rituelles Schlachten;

Notschlachten, wenn ein Betäuben nicht möglich ist;

Schlachten von Geflügel und Kaninchen nach zugelassenen Verfahren, die zum sofortigen Tod der Tiere führen;

Töten von Tieren zu gesundheitsbehördlichen Zwecken, wenn besondere Gründe dies erfordern.

2Jede Vertragspartei, die Ausnahmen nach Absatz 1 zuläßt, muß jedoch dafür sorgen, daß den Tieren, die so geschlachtet oder getötet werden, alle vermeidbaren Schmerzen oder Leiden erspart werden.

Artikel 18

1Jede Vertragspartei vergewissert sich der fachlichen Befähigung der Personen, die berufsmäßig Tiere ruhigstellen, betäuben und schlachten.

2Jede Vertragspartei sorgt dafür, daß die für das Ruhigstellen und Betäuben der Tiere erforderlichen Instrumente, Apparate oder Vorrichtungen den Anforderungen des Übereinkommens entsprechen.


Artikel 19

Jede Vertragspartei, die das rituelle Schlachten zuläßt, hat sich, sofern sie nicht selbst die erforderlichen Genehmigungen erteilt, zu vergewissern, daß die Schächter von ihrer Religionsgemeinschaft ermächtigt sind.

Kapitel IV – Schlußbestimmungen

Artikel 20

1Dieses Übereinkommen liegt für die Mitgliedstaaten des Europarats und für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zur Unterzeichnung auf. Es bedarf der Ratifikation, Annahme oder Genehmigung. Die Ratifikations-, Annahme- oder Genehmigungsurkunden werden beim Generalsekretär des Europarats hinterlegt.

2Dieses Übereinkommen tritt sechs Monate nach Hinterlegung der vierten Ratifikations-, Annahme- oder Genehmigungsurkunde durch einen Mitgliedstaat des Europarats in Kraft.

3Für jede Unterzeichnerpartei, die das Übereinkommen nach dem in Absatz 2 genannten Zeitpunkt ratifiziert, annimmt oder genehmigt, tritt es sechs Monate nach Hinterlegung ihrer Ratifikations-, Annahme- oder Genehmigungsurkunde in Kraft.

Artikel 21

1Nach Inkrafttreten dieses Übereinkommens kann das Ministerkomitee des Europarats zu den ihm geeignet erscheinenden Bedingungen jeden Nichtmitgliedstaat einladen, dem Übereinkommen beizutreten.

2Der Beitritt erfolgt durch Hinterlegung einer Beitrittsurkunde beim Generalsekretär des Europarats; die Urkunde wird sechs Monate nach ihrer Hinterlegung wirksam.

Artikel 22

1Jeder Staat kann bei der Unterzeichnung oder bei der Hinterlegung seiner Ratifikations-, Annahme-, Genehmigungs- oder Beitrittsurkunde einzelne oder mehrere Hoheitsgebiete bezeichnen, auf die dieses Übereinkommen Anwendung findet.

2Jeder Staat kann bei der Hinterlegung seiner Ratifikations-, Annahme-, Genehmigungs- oder Beitrittsurkunde oder jederzeit danach durch eine an den Generalsekretär des Europarats gerichtete Erklärung dieses Übereinkommen auf jedes weitere in der Erklärung bezeichnete Hoheitsgebiet erstrecken, dessen internationale Beziehungen er wahrnimmt oder für das er Vereinbarungen treffen kann.

3Jede nach Absatz 2 abgegebene Erklärung kann in bezug auf jedes darin genannte Hoheitsgebiet durch eine an den Generalsekretär gerichtete Notifikation zurückgenommen werden. Die Zurücknahme wird sechs Monate nach dem Eingang dieser Notifikation beim Generalsekretär wirksam.

Artikel 23

1Jede Vertragspartei kann dieses Übereinkommen durch eine an den Generalsekretär des Europarats gerichtete Notifikation für sich kündigen.

2Die Kündigung wird sechs Monate nach Eingang der Notifikation beim Generalsekretär wirksam.


Artikel 24

Der Generalsekretär des Europarats notifiziert den Mitgliedstaaten des Rates und jeder Vertragspartei, die nicht Mitglied des Rates ist:

ajede Unterzeichnung;

bjede Hinterlegung einer Ratifikations-, Annahme-, Genehmigungs- oder Beitrittsurkunde;

cjeden Zeitpunkt des Inkrafttretens dieses Übereinkommens nach seinen Artikeln 20 und 21;

djede nach Artikel 22 Abs. 2 eingegangene Erklärung;

ejede nach Artikel 22 Abs. 3 eingegangene Notifikation;

fjede nach Artikel 23 eingegangene Notifikation und den Zeitpunkt, zu dem die Kündigung wirksam wird.

 

Zu Urkund dessen haben die hierzu gehörig befugten Unterzeichneten dieses Übereinkommen unterschrieben.

Geschehen zu Straßburg am 10. Mai 1979 in englischer und französischer Sprache, wobei jeder Wortlaut gleichermaßen verbindlich ist, in einer Urschrift, die im Archiv des Europarats hinterlegt wird. Der Generalsekretär des Europarats übermittelt allen Unterzeichnerparteien und allen beitretenden Parteien beglaubigte Abschriften.

Fonte: Ufficio dei Trattati, http://conventions.coe.int - * Disclaimer.