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Dänemark – Öffentliche Diskussion über die Zukunft des Gesundheitssystems (2008)

Dänemark – Öffentliche Diskussion über die Zukunft des Gesundheitssystems (2008)

Hintergrund, Initiator und Teilnehmende

Das dänische Gesundheitssystem stand unter dem politischen und öffentlichen Druck, zahlreichere, effektivere und schnellere Behandlungen durchzuführen, verfügte dazu aber nicht über die notwendigen Mittel.

Im Jahr 2008 erarbeitete der Gesundheitsausschuss des Verbands der Dänischen Regionen ein Projekt mit dem Titel «Das Gesundheitssystem von morgen», welches zwei Komponenten umfasste:

  • - Bürgergipfel, die am 1. November 2008 gleichzeitig in vier dänischen Regionen stattfanden und an denen rund 800 Bürgerinnen und Bürger teilnahmen,
  • - Ein Politikgipfel, der auf den Ergebnissen der Bürgergipfel basierte und an dem am 14. und 15. Januar 2009 Politiker, Stakeholder, Sachverständige und Verantwortungsträger des Gesundheitssystems teilnahmen.

Der Dänische Technologierat (Teknologirådet) und das Sekretariat des Gesundheitsausschusses haben zur Realisierung des Projekts ein gemeinsames Sekretariat eingerichtet.

Ziel der Bürgergipfel

Im Rahmen dieser Zusammenkünfte, die unter dem Titel «Werte und Herausforderungen» abgehalten wurden, wollten die dänischen Regionen die fundierten und wohlüberlegten Meinungen der Bürgerinnen und Bürger zu folgenden Fragen einholen: Wie liessen sich beispielsweise Technologien zur Erhöhung der Produktivität nutzen? Wäre es akzeptabel, der Behandlung bestimmter Krankheiten zulasten anderer medizinischer Verfahren (zum Beispiel gewisse plastisch-chirurgische Eingriffe) Priorität einzuräumen? Könnten bestimmte Behandlungen über die privaten Krankenversicherungen finanziert werden? Wäre es denkbar, von den Patientinnen und Patienten Therapietreue zu fordern?

Ziel des Politikgipfels

Abgestützt auf die Beurteilungen der Bürgerinnen und Bürger sollen die verschiedenen Akteure im dänischen Gesundheitssystem hinsichtlich neuer Entwicklungen und der Priorisierung von Gesundheitsleistungen zu einvernehmlichen Entscheidungen gelangen können.

Ergebnisse

Nennenswerte Ergebnisse der Initiative:

  • Früher war es möglich, für private Krankenversicherungen eine Steuergutschrift zu erhalten, was das Gesundheitssystem teuer zu stehen kam. Da die Politikerinnen und Politiker unsicher waren, wie die Öffentlichkeit auf eine Abschaffung dieses Systems reagieren würde, konnten sie den Mut für diesen Schritt nicht aufbringen. An den Bürgergipfeln sprachen sich jedoch rund 80 Prozent der Teilnehmenden für ein staatliches Gesundheitssystem und private Krankenversicherungen ohne Steuergutschriften aus. Dies führte zu einem Gesinnungswandel in der Politik, und die Steuergutschriften wurde kurz nach dem Politikgipfel abgeschafft.
  • Die Bürgerinnen und Bürger befürworteten den Vorstoss, von den Patientinnen und Patienten einen mit ihrer Behandlung verträglichen Lebensstil zu fordern. Das Thema wurde anlässlich des Politikgipfels eingehend erörtert und rückte danach in der Gesundheitspolitik noch viel stärker in den Fokus.
  • 71 Prozent der Teilnehmenden sprachen sich für eine verstärkte Aus und Fortbildung des Gesundheitspersonals aus, mit dem Ziel, das Personal interdisziplinär zu schulen. Infolgedessen wurden Entscheidungen getroffen, um die Barrieren zwischen den Disziplinen abzubauen (sodass zum Beispiel Fachpflegende Aufgaben übernehmen können, die bis anhin ausschliesslich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten waren).

Vorgehen

Durchführung von Bürgergipfeln: Vier gleichzeitig an einem Tag stattfindende Zusammenkünfte mit jeweils rund 200 Bürgerinnen und Bürgern, die so ausgewählt wurden, dass sie die Zusammensetzung der dänischen Bevölkerung widerspiegelten. Das entsprechende Informationsmaterial wurde den Teilnehmenden eine Woche im Vorfeld zugestellt. Das Programm und die diskutierten Fragen waren bei allen Zusammenkünften genau gleich. Das sechsstündige Programm war in fünf thematische Sitzungen unterteilt, die jeweils mit einem Einführungsvideo begannen, gefolgt von einer Präsentation der Hauptfragen. Danach diskutierten die Bürgerinnen und Bürger diese Fragen in kleinen Gruppen von acht Personen und einem Vorsitzenden gemeinsam an einem Tisch.

An den Sitzungen ging es um:

  • die wichtigsten Herausforderungen (jeder Tisch ermittelte zwei Herausforderungen, über die sämtliche Teilnehmenden am Ende des Treffens abstimmen konnten),
  • die Frage, wie gute gesundheitliche Verhältnisse sichergestellt werden können,
  • den persönlichen Beitrag, den jede Patientin / jeder Patient leisten kann,
  • die für die Gesundheitsversorgung zur Verfügung stehenden Ressourcen,
  • die Frage, was das Gesundheitssystem künftig leisten können sollte,
  • die Grundsätze bei der Priorisierung,
  • die Frage, inwieweit Behandlungen in der gemeinsamen Verantwortung liegen oder als «kommerzielles Gut» zu betrachten sind.

Am Schluss jeder Sitzung stimmten die Bürgerinnen und Bürger mittels Televoter über drei bis fünf Fragen ab. Bei der Sitzung 2a lauteten die Fragen beispielsweise wie folgt:

  • Wer soll für unsere Gesundheit verantwortlich zeichnen?
  • Wie sollten wir auf ein Arbeitsklima und Arbeitsbedingungen reagieren, die sich negativ auf unsere Gesundheit auswirken?
  • Wie sollten wir auf eine ungesunde Lebensführung reagieren?
  • Sollte die Behandlung an die Lebensweise der Patientin / des Patienten angepasst werden oder umgekehrt?
  • Sollten die Bürgerinnen und Bürger einen Beitrag zur Gesundheit anderer Menschen leisten, indem sie Organspender werden?

Für jede Frage standen mehrere Antworten zur Auswahl.

Der Politikgipfel dauerte vierundzwanzig Stunden (von Mittag bis Mittag). Am ersten Tag wurden verschiedene Ideen für strategische Massnahmen zusammengetragen und dann diskutiert. Für diese Ideen konnten sich die Teilnehmenden auf die Stellungnahmen der Bürgerinnen und Bürger abstützen. Am zweiten Tag fanden Workshops statt, an denen diese Massnahmen im Detail besprochen und die Zuständigkeiten für die zu ergreifenden Massnahmen verteilt wurden.


Nennenswerte Aspekte und gewonnene Erkenntnisse

Es hat sich gezeigt, dass die öffentliche Diskussion einen wichtigen Beitrag zur Politikentwicklung leisten kann. Um Wirkung zu erzielen, müssen die Entscheidungsfindungsprozesse als Ganzes betrachtet werden, innerhalb dessen die Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung eine Etappe darstellen. Eine weitere wesentliche Etappe ist die Schaffung eines politischen Begleitprozesses und die Einbindung der politischen Entscheidungsträger von Beginn weg.

Das Kosten-Nutzen-Verhältnis der öffentlichen Diskussion sollte mit Blick auf die zahlreichen Aktivitäten rund um die Diskussion betrachtet werden. Die Einbindung der Öffentlichkeit mag kostspielig erscheinen, zumal nicht alle Aktivitäten denselben wirtschaftlichen Nutzen haben. Doch mit der Zeit bringen gewisse Projekte Entscheidungsbefugnisse mit sich oder erhöhen die Entscheidungsfreude, was sich erheblich auf die Produktivität, die Qualität der Entscheidungen und die Wirtschaft auswirkt. Dies trifft insbesondere im Hinblick auf die Abschaffung der Steuergutschriften im Zusammenhang mit den privaten Krankenversicherungen zu. Um es mit den Worten des Organisators zu sagen: «Ohne die klare Stellungnahme der Bürgerinnen und Bürger wäre es wohl nicht zur Abschaffung der Steuergutschriften gekommen. Dies führte zu einer betragsmässigen Entlastung des Staatshaushaltes, die weit über den Kosten für sämtliche Aktivitäten im Zusammenhang mit der öffentlichen Diskussion in Dänemark lag.»

Die öffentliche Diskussion fördert eine vertiefte Reflexion, die zu anderen Erkenntnissen als Umfragen oder Erhebungen führt. Der grosse Unterschied zwischen Umfragen und der Öffentlichkeitsbeteiligung besteht darin, dass Letztere oft zu überraschenden Ergebnissen führt und zeigt, dass eine Bereitschaft besteht, von der sogenannten «öffentlichen Meinung», wie sie zum Beispiel von den Medien, in Umfragen oder durch Lobbyisten kolportiert wird, abzuweichen. Die formulierten Meinungen basieren vielmehr auf einer eingehenden Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema als auf persönlichen Ansichten oder einer offiziellen Parteilinie. Ein Beispiel hierfür ist der Lösungsansatz beim Problem der Therapietreue. Neu sollen die Patientinnen und Patienten nämlich eine Mitverantwortung für ihre Behandlung übernehmen. Dieser Ansatz wurde weder von den Patientenorganisationen noch von den Lobbyisten befürwortet, und Umfragen ergaben im Allgemeinen, dass allen das uneingeschränkte Recht auf die gleiche medizinische Behandlung zustehen muss. Die Mehrheit der Teilnehmenden sprach sich dann jedoch für diesen Ansatz aus.