Dieses Interview ist frei von Rechten und kann kostenlos veröffentlicht werden.

Bob Keizer: Die Verbesserung des Dialogs zwischen Politikern, Wissenschaftlern und jenen Menschen, die vor Ort praktische Arbeit leisten, hatte oberste Priorität

26.06.2006

Die 35 Mitgliedsstaaten der Pompidou-Gruppe werden bei ihrer Ministerkonferenz im November dieses Jahres in Straßburg ein Arbeitsprogramm für die nächsten vier Jahre verabschieden.
Seit 2003 ist Bob Keizer, unter dem Vorsitz der Niederlande, Vorsitzender der ständigen Korrespondenten. Ein Rückblick auf die Arbeit der letzten drei Jahre:

Frage: Was ist die genaue Rolle der Pompidou-Gruppe, insbesondere in Anbetracht der Existenz der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) der Europäischen Union? Welchen Zweck erfüllt die Pompidou-Gruppe heute?

Bob Keizer: Die Pompidou-Gruppe ist als Europas älteste und größte Arbeitsgruppe zum Thema Drogen nicht zu unterschätzen. Die Gruppe hat eine offene und multidisziplinäre Struktur. Sie bringt Justizbeamte, Wissenschaftler, Ärzte, Sozialarbeiter, Polizei- und Zollbeamte und Politiker auf lokaler Ebene zusammen, etc.

Die Gruppe bietet kompetenten Experten vielfältige Möglichkeiten zum Austausch von Informationen in entspannter Atmosphäre. Für alle, die an der Ausarbeitung einer sinnvollen europaweiten Drogen-Gesetzgebung beteiligt sind, ist diese Rolle sehr wichtig. Die Gruppe führt beispielsweise eingehende Studien in Schulen durch sowie zum Kontrollsystem beim Zoll. Sie legt Konsumindikatoren fest, untersucht die Situation in Gefängnissen und bildet Mitarbeiter vor Ort aus, etc.

Es stimmt, dass die Europäische Union im Gegensatz zur Pompidou-Gruppe mehr Befugnisse besitzt, um Vorschriften zu erlassen, und über weitaus mehr finanzielle Mittel verfügt. Außerdem kann die EU-Osterweiterung möglicherweise zu einer Schwächung der Pompidou-Gruppe beitragen, da die Überbrückung der Kluft zwischen Ost und West eine ihrer wichtigsten Funktionen.

Aus diesem Grund haben die Mitgliedsstaaten 2003 eine Bewertung der Pompidou-Gruppe durchgeführt und eingehend über ihre Modernisierung diskutiert. Die Gruppe wird weiterhin eine bedeutende Rolle spielen, während vermieden wird, dass spezifische Themen von der EU, der WHO und den Vereinten Nationen gleichzeitig bearbeitet werden. Neue Arbeitsmethoden und Strukturen werden umgesetzt.

Die Pompidou-Gruppe behält nach wie vor ihre einzigartige Rolle: Sie bringt Expertenteams aus Ost und West zusammen und beschäftigt sich mit Themen in Verbindung mit Menschenrechten und ethischen Grundsätzen aber auch mit Praktiken, die an der Basis ansetzen und im Alltag umgesetzt werden können.

Frage: Welche Ergebnisse würden Sie nach drei Jahren des niederländischen Vorsitzes hervorheben?

Bob Keizer: Die Verbesserung des Dialogs zwischen Politikern, Wissenschaftlern und den Menschen, die vor Ort praktische Arbeit leisten, hatte in diesen drei Jahren oberste Priorität. Das Problem auf unserem Gebiet ist die unzureichende Kommunikation zwischen Experten, beispielsweise bei der Prävention. Die Wirksamkeit von Programmen wird ernsthaft untergraben. Zahlreiche Sensiblisierungskampagnen bleiben ohne Erfolg und sind dabei sehr kostspielig. Andere Ansätze sind weitaus effektiver, wie z.B. die Diskussion mit jungen Menschen über ihr Verhältnis zu Drogen.

Experten, die an der Prävention arbeiten, sollten ernst genommen werden. Diese Arbeit wird von Gesetzgebern und Politikern unterschätzt und systematisch vernachlässigt. Sie streben kurzfristige Ergebnisse an, durch die Umsetzung drastischer Maßnahmen, z.B. Zwangsuntersuchungen in Schulen – ein vollkommen kontraproduktiver Trend.

Das allgemeine Problem ist, tolerant zu sein und dennoch Verbote zu formulieren. Die Kluft zwischen der erklärten Politik und der täglichen Realität wächst.

Die Pompidou-Gruppe war stets bemüht, diese Kluft zu schließen, denn die Glaubwürdigkeit der öffentlichen Handlung steht auf dem Spiel. Beim Thema Drogen gibt es nicht eine einzig richtige Antwort auf alle Fragen. Daher muss ein Gleichgewicht zwischen Diskussionen und Maßnahmen gefunden werden. Wir dürfen uns nicht auf ein einziges Gebiet versteifen. Die Antworten sind komplex und können nur auf lange Sicht zu Ergebnissen führen.