Interview mit Professor Mary Daly, Queen’s University Belfast und für ein Jahr Harvard University in Boston.

“Veränderungen bei der Kindererziehung: Kinder Heute, Eltern Morgen”

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Mary Daly: „In ganz Europa muss Kindererziehung besser durch politische Maßnahmen unterstützen werden”

Interview mit Professor Mary Daly, Queen’s University Belfast und für ein Jahr Harvard University in Boston. Die irische Expertin wird bei der Konferenz in Lissabon die neuesten Erkenntnisse im Bereich der positiven Erziehung (positive parenting) vorstellen. An der Konferenz am 16. und 17. Mai nehmen die für Familienfragen zuständigen Minister aus den 46 Mitgliedsstaaten des Europarates teil.

Foto: Europarat (copyright-free)

Lissabon, 11. Mai 2006

Frage: Die demographischen Veränderungen in Europa, die zunehmende Zahl berufstätiger Frauen, Arbeitslosigkeit und die verschiedenen Formen gesetzlich anerkannter Partnerschaften führen zu neuen Modellen des Familienlebens. Könnten Sie diese neuen Modelle bitte kurz beschreiben?

Professor Mary Daly : Diese neuen Modelle haben verschiedene Formen. Es gibt beispielsweise die Familie der Doppelverdiener, bei der beide Eltern berufstätig sind. Das hat zahlreiche Auswirkungen auf die Qualität und Natur des Familienlebens, insbesondere darauf, wie für Kinder und ältere Menschen gesorgt wird. Ein zweiter Bereich, der sich verändert, betrifft das, was man die Struktur oder Zusammensetzung der Familie nennen könnte. Familien sind heute viel vielfältiger was die Zahl der Elternteile, den Ehestand der Eltern, die sexuelle Orientierung der Eltern und der Partner betrifft und auch darin, in welchem Verhältnis Kinder zu den Erwachsenen stehen, mit denen sie leben. Drittens hat sich die Art der Beziehung von Menschen innerhalb einer Familie verändert. Früher funktionierte die Familie auf Grundlage der väterlichen Autorität - das hat sich geändert. Heute basiert die Beziehung zwischen den erwachsenen Partnern und denjenigen zwischen den Generationen viel weniger auf Autorität, Macht und Kontrolle.

Frage: Gibt es in Europa Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd?

Professor Mary Daly: Sicher. In Europa gibt es schon immer Unterschiede bei der Organisation des Familienlebens. Die Unterschiede hängen jedoch nicht immer von der geographischen Lage ab. Allerdings kann man Unterschiede zwischen Norden und Süden feststellen: In nördlichen Ländern ist Heiraten beispielsweise weniger populär und es gibt eine größere Vielfalt an verschiedenen Arten von Familien als in den Ländern des Mittelmeerraumes. Das Familieleben verändert sich jedoch überall: Frauen werden zunehmend in den Arbeitsmarkt integriert, es gibt eine Vielzahl verschiedener Familienmodelle und die Rolle der Geschlechter entwickelt sich. Eine der Erkenntnisse des in Lissabon gestarteten Prozesses ist, dass die Staaten diese Entwicklung anerkennen müssen. Sie müssen vorausschauend politische Maßnahmen ergreifen, um jene Aspekte des Familienlebens zu verbessern, die sich auf die Kindererziehung auswirken. Dies kann beispielsweise geschehen, indem der notwendige rechtliche Rahmen geschaffen wird, um die Rechte der Kinder zu schützen unabhängig davon, in welcher Art von Familie sie leben, oder indem Familien unterstützt werden.

Frage: Welche Auswirkungen haben diese neuen Modelle auf die Rolle und Verantwortung der Mutter, des Vaters und der Großeltern?

Professor Mary Daly: Alle sind betroffen. Mütter müssen jetzt zum Beispiel mit der Doppelbelastung Arbeit und Familie umgehen. Das erfordert oft eine große Kompromissbereitschaft seitens der Frauen. Auch die Gesellschaft stellt heute andere Anforderung an Männer als in der Vergangenheit: Es wird erwartet, dass die Männer auch am emotionalen Leben ihrer Familie teilhaben. Die relativ starke Zunahme von politischen Maßnahmen für den Vaterschaftsurlaub macht dies deutlich. Die Großeltern haben sich schon immer mit ihren Enkeln befasst und das ist auch weiterhin so, obwohl man sagen könnte, dass Großeltern heute mehr materielle Unterstützung leisten (Geld, Unterstützung der Kinder und Enkeln) als das früher der Fall war.

Frage: Was ist die Ansicht der Kinder? Werden sie gefragt?

Professor Mary Daly : Meiner Meinung nach werden Kinder immer mehr gefragt – das ist eines der großen Verdienste der Politik der letzten zehn Jahre. Die UN-Kinderrechtskonvention hat sicherlich eine große Rolle dabei gespielt, das Bild der Kinder zu verändern. Dabei hat man sich von der Ansicht entfernt, dass Kinder „nur“ Minderjährige sind, denen man Beachtung, aber kein Gehör schenkt. Heute betrachtet man sie als Individuen mit Rechten, als kompetente Akteure ihrer eigenen Welt. In diesem Sinne wurden die Kinder als Teil dieses Projektes konsultiert. Die Kinder waren besorgt, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. Sie fühlten, dass sie mehr Informationen über ihre Rechte benötigten sowie den Zugang zu vertrauenswürdigen Einrichtungen, an die sie sich wenden können.

Frage: Was bedeutet „positive Erziehung“ unter diesen neuen Umständen?

Professor Mary Daly: Unter positiver Erziehung verstehen wir eine Aktualisierung des Denkens über die beste Art der Kindererziehung insbesondere angesichts der Veränderungen in der Justiz und der Politik durch die UN-Kinderrechtskonvention. Gemäß dieser Konvention hat das Kind das Recht auf Fürsorge, Sicherheit und auf eine Erziehung, die ihre oder seine Person und Individualität respektiert. Das hat sehr große Auswirkungen auf die Kindererziehung. In unserem Konzept der Kindererziehung stehen die Rechte des Kindes im Vordergrund. Kindererziehung ist positiv, wenn man fürsorglich ist, das Kind leitet, man das Kind als Person mit Bedürfnissen und Fähigkeiten anerkennt und es dem Kind ermöglicht, seine Stärken zu verbessern und man zur Entwicklung der Selbstkontrolle beiträgt. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass wir nicht die antiautoritäre Kindererziehung befürworten sondern eher einen Ausgleich suchen zwischen der Erkenntnis, dass das Kind in seinem Leben an die Hand genommen werden muss und der Tatsache, dass man ihr oder ihm auch die Eigenkontrolle über ihr oder sein Verhalten zugesteht.

Frage: Inwiefern betrifft diese Ansicht der Kindererziehung die Gesellschaft als Ganzes?

Professor Mary Daly: Positive Erziehung hat auf alle Bereiche der Gesellschaft große Auswirkungen. Für die Eltern bedeutet das, zu verstehen, dass das Kind Rechte hat und dass die Bedürfnisse des Kindes vor ihre eigenen gestellt werden müssen. Das bedeutet des Weiteren, sich von Erziehungsmaßnahmen zu entfernen, die dazu bestimmt sind, das Kind zu verletzen und sie durch die gewaltlose Auseinandersetzung mit dem Kind zu ersetzen. Diese Tatsache muss innerhalb der gesamten Gesellschaft auf Verständnis treffen. Für die Regierungen bedeutet die positive Erziehung, dass die Politik die Kindererziehung mehr unterstützen muss und neue Maßnahmen umsetzt (Bildungs- und Unterstützungsprogramme, angemessene finanzielle Unterstützung etc.), die den Eltern und Kindern helfen, dass Beste aus ihrem Familienleben zu machen. Viele Länder haben bereits Maßnahmen umgesetzt, aber es muss noch mehr getan werden.