Interview mit Béatrice Hess, Frankreichs erfolgreichste Paralympionikin
Dieses Interview ist frei von Rechten und kann kostenlos veröffentlicht werden
Beatrice Hess: „Der Schlüssel zu weniger Diskriminierung ist mehr Medienberichterstattung vom Frauensport“

26.April 2005
Béatrice Hess leidet an der Krankheit Osteomyelitis und hat 15 Gold- und 4 Silbermedaillen bei den Paralympischen Spielen von Atlanta (1996), Sydney (2000) und Athen (2004) gewonnen. Frankreichs erfolgreichste Paralympionikin beendete ihre Karriere im letzten Jahr im Alter von 43 Jahren. Die Parlamentarische Versammlung hat sie für Mittwoch, 27. April, eingeladen, um mit ihr über die Diskriminierung von Frauen und Mädchen im Sport zu sprechen. Sie selbst hat zwei Kinder, und ihre Erfahrungen haben ihren Blick für Ungleichheit zwischen Männern und Frauen im Sport geschärft.
Frage: Frau Hess, ein Bericht des Europarates sagt aus, dass im Sport eine weit verbreitete Diskriminierung von Frauen existiert: hartnäckige Vorurteile, ein Mangel an Möglichkeiten und Strukturen für weibliche Athleten und talentierte Mädchen, die Schwierigkeit, Sportlerlaufbahn und Familienleben in Einklang zu bringen, Probleme der Rückkehr in den Beruf und eine ungenügende Medienberichterstattung. Haben Sie selbst in Ihrem Sport Diskriminierung erlebt?
Béatrice Hess: Mein Sport – das Schwimmen – wird von Männern und Frauen ausgeübt. Es gibt hier ungefähr ein Verhältnis von 50 zu 50, das heißt, es existiert hier sicherlich weniger Diskriminierung als in anderen Sportarten. Aber die Leute finden es schwer zu akzeptieren, dass eine Frau, wenn sie einmal Kinder hatte, zurückkehrt in ihre Sportlerlaufbahn. Sie geben Dir das Gefühl, du solltest zuhause bei Deinen Kindern sein und nicht unten am Pool. Das ist ein Stereotyp, der bei vielen Männern vorherrscht – und auch bei vielen Frauen. Wenn ein Mann eine Sache mit leidenschaftlichem Interesse verfolgt und viel Zeit darauf verwendet, dann wird das für normal gehalten. Bei einer Frau ist das anders. Sie hat diese Zeit einfach nicht zu haben.
Frage: Haben Sie in anderen Sportarten Diskriminierung von Frauen gesehen?
Béatrice Hess: Männer denken, manche Sportarten gebe es nur für sie. Sie finden es hässlich, wenn Frauen boxen oder Kampfsport betreiben, Fußball oder Rugby spielen. In Wirklichkeit ist es einfach eine andere Form von Ästhetik, wenn Frauen solche Sportarten ausüben: Strategie zählt dann mehr als physische Kraft. Männer verstehen das nicht, sie sehen den Sport durch Männeraugen und denken, er würde dadurch herabgesetzt.
Es gibt auch noch eine andere Form von Diskriminierung, die der Medien und besonders des Fernsehens, die die Frauen in der Berichterstattung deutlich vernachlässigen. Wir alle wissen, das sich Kinder Vorbilder nehmen – Menschen wie Marie-José Pérec in der Leichtathletik oder Zinédine Zidane im Fußball. Aber es gibt weit weniger weibliche Vorbilder als männliche, und deshalb neigen weniger Mädchen dazu, einen Sport anzufangen. Und die Sportverbände selbst geben die Trainer- und Managerposten immerzu an Männer. Es ist sehr schwer für Frauen, hier herein zu kommen: Treffen finden meist abends statt, und Wettkämpfe an den Wochenenden – zu Zeiten also, in denen Frauen auf ihre Kinder aufpassen.
Frage: Was kann getan werden, um die Einstellung der Menschen zu ändern und die Diskriminierung abzubauen?
Béatrice Hess: Im Profisport erbringen Frauen Höchstleistungen, das ergibt tendenziell einen Abbau der Ungleichheiten. Im Tennis zum Beispiel hört man mehr über Amélie Mauresmo als über die Jungs. Aber das ist nicht genug. Die Medien müssen mehr Frauensport zeigen. Das hätte zwei gute Effekte: Es gäbe Müttern Ideen und kleinen Mädchen Vorbilder – sie würden ihnen nachahmen wollen, indem sie denselben Sport anfingen.