Gewalt gegen Kinder: Zahlen und Fakten

Im Laufe der nächsten zwölf Monate werden 3 500 Kinder unter 15 in den reichsten Nationen der Welt an den Folgen körperlicher Gewalt und Vernachlässigung sterben. In Deutschland und dem Vereinigten Königreich sterben zwei Kinder pro Woche – drei in Frankreich. Über 1 Million Kinder werden jedes Jahr weltweit in andere Länder verkauft. Weltweit arbeiten mehr als 300 Millionen Kinder – einige von ihnen unter gefährlichen Bedingungen, manche werden dazu gezwungen. Straßenkinder kämpfen in den Straßen Europas und Asiens um das tägliche Überlegen. Sie werden von Verbrechern ausgebeutet und sind ständig auf der Flucht vor der Polizei. Eines von zehn Schulkindern erlebt Gewalt in der Schule– für manche Kinder ist dieses Erlebnis so traumatisch, dass sie Selbstmord als den einzigen Ausweg sehen.

Diese Zahlen der UNICEF, der Weltgesundheitsorganisation, der internationalen Arbeiterorganisation und den Vereinten Nationen zeigen, dass Kinder in Europa genauso Gewalt ausgesetzt sein können, wie in jedem anderen Land auf der Welt. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir entwickelter oder zivilisierter sind – die Zahlen zeigen, dass wir es nicht sind.

Hinter jedem Fall, der in die Schlagzeilen kommt und schockiert, gibt es tausende von Kindern, die lediglich Zahlen in Statistiken sind. Gewalt gegen Kinder geschieht im Verborgenen und zerstört Leben. Gewalt zerstört Leben und Potential und schafft Gesellschaften, die das Inakzeptable – das Schlagen, Treten, Prügeln, Verspotten, Foltern und Verhungern lassen von Kindern – akzeptieren.

Gewalt hat so viele verschiedene Gesichter und kann an jedem Ort, an dem es Kinder gibt, passieren – in der Familie, auf der Straße, in Schulen, in staatlichen Einrichtungen und in staatlicher Obhut. Jeder, der in direktem Kontakt mit Kindern steht ist ein potentieller Täter – Eltern, Pflegeeltern oder Angestellte staatlicher Einrichtungen für Kinder, Verwandte, Mitglieder der Gemeinschaft, ein anderes Kind, Lehrer, Polizisten.

Einige Ursachen für Gewalt:

Diskriminierung – Ob aus Gründen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion, einer Behinderung, einer Krankheit oder auf Grund der sexuellen Orientierung eines Menschen, Diskriminierung legitimiert die Anwendung von Gewalt. Diskriminierung im sozialen Bereich, im Erziehungs-, Ausbildungs- oder Gesundheitswesen kann dazu führen, dass ethnische Gruppen, wie die Roma, aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Dies führt wiederum dazu, dass diese Kinder leichter zu Opfern von Gewalt werden können.

Soziale Akzeptanz – Der Grad der Akzeptanz von Gewalt in Europa variiert. Die körperliche Bestrafung beispielsweise wird in fast allen Ländern als Mittel zur Disziplinierung von Kindern angesehen. Diese Einstellung zeigt sich auch darin, wie die Menschen auf Gewalt gegen Kinder reagieren und darin, dass nur sehr wenige Fälle tatsächlich zur Anzeige gebracht werden.

Armut und sozialer Stress – Studien über zum Tode führende Kindesmisshandlung in Familien reicher Nationen fanden heraus, dass Armut und Stress sowie Drogen und Alkoholmissbrauch eng mit Kindesmissbrauch und Vernachlässigung verbunden sind. Im schlimmsten Fall war Armut bei verschiedenen Konflikten in der Welt der eigentliche Grund, dass Gemeinschaften sich gegeneinander gewandt haben.

Heimeinrichtungen

Niemand weiß genau, wie viele Kinder in Heimeinrichtungen in Europa leben. Die genauesten Schätzungen belaufen sich auf ungefähr 1 Million Kinder, aber andere Methoden und ein anderer Standard der Datenerhebung erschweren Vergleichen zwischen den Ländern.

Das klassische Bild eines Kindes, das seine Eltern verloren hat und im Heim lebt ist weit von der Realität entfernt. Es gibt viele verschiedene Gründe, warum Kinder in Heimeinrichtungen leben: Kinder, die kranke Eltern haben oder Eltern, die sie zeitweise nicht selbst versorgen können, Kinder von Asylbewerbern, Kinder, die sich in Polizeigewahrsam oder im Gefängnis befinden oder Kinder mit Lernschwierigkeiten oder körperliche Behinderungen. Der Mangel an Daten erschwert es, zu erörtern, mit wie viel und mit welcher Art von Gewalt Kinder in Einrichtungen konfrontiert werden. Immer mehr Beweise für den Kindesmissbrauch und Berichte von Einrichtungen geben Anlass zur Sorge, dass Kinder – die doppelt verletzlich und ungeschützt sind, da sie alleine in einer fremden Umgebung sind – einer klaren Gefahr ausgesetzt sind.

Die Fakten
- Missbrauchsfälle in Einrichtungen sind europaweit ans Tageslicht gekommen.

Laufende Untersuchungen in Irland und Portugal belegen, dass sexueller, körperlicher und seelischer Missbrauch jahrzehntelang stattgefunden hat. In Irland erhielt die Kommission zur Untersuchung von Kindesmissbrauch 3 000 Beschwerden. 60% der Beschwerden kamen von Menschen über 50, die als Kind in Heimeinrichtungen missbraucht wurden.

- In Belgien, der Tschechischen Republik, Frankreich und Moldawien gibt es kein ausdrückliches Verbot der körperlichen Bestrafung in Einrichtungen für Kinder.

- Heimeinrichtungen sind oft unzulänglich, unhygienisch, schlecht beheizt und es gibt keine nahrhaften Mahlzeiten.

- Gewalt kommt zu einem Großteil auch unter den Kindern selbst vor. Eine britische Studie über Gewalt gegen Kinder in Heimeinrichtungen zeigte, dass es sich bei der Hälfte der zur Anzeige gebrachten Fälle um Gewalt zwischen Kindern handelte, einschließlich schwerwiegender körperlicher Gewalt, wie Messerattacken, Tritte und Schläge. Bei der Hälfte dieser Fälle handelt es sich nicht um körperliche Gewalt, sondern um Vandalismus und Drohungen.

- Jugendliche werden oft gemeinsam mit Erwachsenen inhaftiert. Laut der Nationalen Deutschen Koalition für die Umsetzung der UN-Konvention über Kinderrechte gibt es Beweise für Drohungen, Erpressung und sogar Vergewaltigung. Das Anti-Folter-Komitee des Europarates* stellte fest, dass Gefängniswärter in Kroatien die Jugendlichen getreten oder mit Stöcken geschlagen haben.

- Es gibt Beweise dafür, dass Polizisten inhaftierte Kinder und Jugendliche in Albanien, Frankreich, Georgien, Rumänien, der Schweiz und der Ukraine schlecht behandelt haben.

- Kinder, die ethnischen Minderheiten angehören, machen den Großteil der Kinder in Heimeinrichtungen und Gefängnissen aus. Laut der Weltbank sind 40% der Kinder in rumänischen Heimen Roma, obwohl die Roma nur 10% der rumänischen Gesamtbevölkerung ausmachen.

Was wird getan?

Die UN-Konvention über die Ausübung von Kinderrechten setzt die Regierungen entschieden für den Schutz von Kindern in Heimeinrichtungen ein und verbietet die willkürliche Inhaftierung von Kindern. Die Konvention legt zudem fest, dass einfühlsam mit den Kindern umgegangen wird und sie getrennt von Erwachsenen inhaftiert werden müssen.

Das Ministerkomitee des Europarates hat eine Empfehlung zu den Rechten der Kinder in Heimeinrichtungen verabschiedet, einschließlich des Rechts auf eine gewaltfreie Erziehung.

Die Europäische Union hat eine Weisung für asylsuchende Kinder verabschiedet, die besagt, dass sie bei Verwandten, einer Pflegefamilie oder in speziell dafür eingerichteten Zentren untergebracht werden, um sie zu schützen.

Das Anti-Folter-Komitee des Europarates hat ein Mandat, um Orte, in denen Kinder inhaftiert sind, zu überprüfen.

Eine steigende Anzahl von Staaten erkennt die Probleme und stellt Untersuchungen an oder gestattet diese. Untersucht werden die Umstände und die Gewalt in Heimrichtungen aller Art.

Die Gemeinschaft

Für ungeschützte Kinder ist die Welt ein gefährlicher Ort. Studien zeigen, dass kein einziges Land von Gewalt in der Gemeinschaft ausgenommen ist – obwohl es schwierig ist, dass Ausmaß der Gewalt zu schätzen.

Armut, Kriminalität und Ausbeutung sind Tatsachen für viele Kinder, mit denen sie tagtäglich konfrontiert werden. In Osteuropa gibt es besondere Risiken: Armut schafft einen idealen Nährboden für Kriminalität und zwingt Kinder und Jugendliche auf die Straße oder zu grausamer oder illegaler Arbeit. Viele schließen sich gewalttätigen und kriminellen Banden an. Morde und Verletzungen steigen stark an. Andere Kinder leben auf der Straße. Sie leben vom Betteln oder der Prostitution und haben unter der Gewalt von Kunden oder der Polizei zu leiden. Armut führt zu Ausbeutung. Die organisierte Kriminalität profitiert von dem Leid der Kinder, indem die Kinder zwecks sexueller Ausbeutung verkauft werden oder mit Kriminellen zusammenarbeiten müssen.

Sogar in den strukturierten Bereichen des Gemeinschaftslebens können sich Gefahren verbergen. Die Kinder sind in ihrer Freizeit, in Clubs und sogar in kirchlichen Einrichtungen Gewalt ausgesetzt. Sie können dazu gezwungen werden, zu hart zu trainieren oder eine zu strikte Diät für die Verbesserung der sportlichen Leistungen einzuhalten. Kinder können Opfer der körperliche Bestrafung oder des sexuellen Missbrauchs durch Trainer oder in Einrichtungen tätige Menschen werden.

Die Tatsachen

Statistiken zum Thema Gewalt in der Gemeinschaft gibt es kaum. Man braucht mehr Daten, um der Regierung zu ermöglichen, zu handeln. Das Ausmaß des Kinderhandels und der sexuellen Ausbeutung von Kindern wird immer noch untersucht. Kriminalitätsstatistiken enthalten nur die Fälle, die bekannt werden. Die folgenden Zahlen sollen ein allgemeines Bild der Situation zeichnen.

- Die Bandenkriminalität in Osteuropa ist stark angestiegen. Die Selbstmordrate bei 10-24-jährigen in der Russischen Föderation ist nach dem Zusammenbruch des Kommunismus um 150 Prozent gestiegen. In Aserbaidschan, Lettland und in der Russischen Föderation haben sich Schießereien mehr als verdoppelt.

- 1995 war das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, für Jugendliche zwischen 15-17 Jahren in den Niederlanden viermal höher als für Erwachsene.

- In Bremen werden fast 50 Prozent der angezeigten Gewaltdelikte von Banden begangen.

- Die Hälfte der 10 000-16 000 Straßenkinder in Sankt Petersburg ist unter 13 Jahre alt. Ungefähr 10 bis 30 Prozent sind der Gewalt besonders ausgesetzt, da sie an kriminellen Delikten beteiligt sind, wie z.B. dem Handel mit Drogen oder gestohlenem Gut; ungefähr 20 Prozent der unter 18-jährigen leben von der Prostitution.

- Die Polizei nimmt regelmäßig Straßenkinder fest und klagt sie wegen geringfügiger Delikte an.

- Laut der Londoner Polizei wurden 2003 14 Kinder als Sklaven für Haushaltsarbeiten verkauft.

- Einige albanische und rumänische Kinder werden nach Westeuropa gebracht, um kriminellen Banden bei Einbrüchen und anderen Verbrechen zu helfen.

- Seit 1995 wurden über 5 000 Fälle von Kindesmissbrauch weltweit durch katholische Geistliche zur Anzeige gebracht. In Frankreich wurden 30 Geistliche wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Im Vereinigten Königreich waren es zwischen 1995 und 1999 21 Fälle, in Deutschland 13, zwischen 1994 und 2001.

- Experten schätzen, dass etwa 20 Prozent der Jugendlichen, die Sport betreiben, Gefahr laufen, missbraucht zu werden - 10 Prozent sind bereits Opfer von Missbrauch.

Was wird getan?

Internationale Verträge wie die Konvention über die Ausübung von Kinderrechten und die Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte legen die Mittel und Wege fest, durch die Kinder geschützt werden können – einschließlich ihres Rechts auf Leben und auf ein Familienleben.

Konventionen der Internationalen Arbeiterorganisation haben es sich zur Aufgabe gemacht, grausamen Formen der Kinderarbeit, wie den Verkauf von oder den Handel mit Kindern, der Prostitution, dem Armeedienst und der Arbeit in gefährlichen Industriezweigen oder Zwangsarbeit ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.

Durch die neueste Konvention des Europarates soll dem Handel mit Kindern Einhalt geboten werden. Die Konvention zur Computerkriminalität ermöglicht es der Polizei, grenzüberschreitend gegen kinderpornografische Webseiten vorzugehen.

Das Vereinigte Königreich hat die erste Einheit eröffnet, um Kindern, die Sport betreiben, zu schützen. Der Fußballverband hat eine ethische Strategiegruppe ins Leben gerufen, um diesem Problem zu begegnen.

Schulen

Die meisten Kinder in Europa können jeden Tag zur Schule gehen. Die Schule gibt ihnen die Möglichkeit zu lernen, zu spielen, sich selbst und die Welt kennen zu lernen und ihre eigene Zukunft zu gestalten.

Heute ist es relativ unwahrscheinlich, dass Schulkinder Opfer von körperlicher Bestrafung durch Lehrer werden – fast ganz Europa verbietet die körperliche Bestrafung in Schulen. Gewalt wartet jedoch im Verborgenen – meistens in Form von Schikane und Hänseleinen. Kinder, die anders sind, klüger, größer oder kleiner, eine andere Hautfarbe oder einen anderen Akzent haben, werden zu Opfern von Hohn, Spott und Angriffen. Auch Lehrer können Kinder schikanieren oder selbst Opfer von Schikane werden.

Die größten und bekanntesten Fälle – Schüler erschießen Schüler oder der Selbstmord von Kindern, die einfach nicht mehr weiter wissen – sind Beweise dafür, dass Gewalt tragische Konsequenzen haben kann, wenn man ihr nicht rechtzeitig begegnet. Sichere Schulen sind gewaltfreie Schulen und gewaltfreie Schulen müssen weiterentwickelt und von Regierungen, Lehrern, Schülern, Eltern und der Gemeinschaft unterstützt und gefördert werden.

Die Tatsachen

Eine europäische Beobachtungsstelle für Gewalt in Schulen wurde zwecks Datenerhebung eingerichtet. Sie hat ihren Sitz an der Universität von Bordeaux, Frankreich, und deckt Belgien, Deutschland, Italien, Spanien, die Schweiz und das Vereinigte Königreich ab.

Daten und Zahlen über Gewalt sind nur schwer zu erheben. Viele Kinder haben Angst, darüber zu sprechen und Statistiken können durch Suggestivfragen der Forscher oder der Größe oder Art der von ihnen gewählten Gruppe beeinflusst werden. Die folgenden Beispiele sollen diesbezüglich ein allgemeines Bild der verschiedenen Länder zeichnen:

- Laut einer Studie zu Kindesmissbrauch und körperlicher Gewalt gegen Kinder in Georgien sind im Jahr 2000 von 4 382 Kindern im Alter von sechs bis sieben 31,8 Prozent körperlich bestraft worden, in 96 Prozent der Fälle von Lehrern.

- Eine von der UNICEF im Jahr 2002 durchgeführte Umfrage in Armenien zwischen Eltern und Kindern im Alter von 7-18 zeigte, dass Schläge und Klapse in Schulen sowie auch zu Hause an der Tagesordnung sind.

- Laut eines Regierungsberichts der Russischen Föderation leiden 16 Prozent der Schüler unter körperlichem und 22 Prozent unter seelischem Missbrauch durch ihre Lehrer.

- Studien der Universität Bordeaux in Frankreich zeigen, dass von 35 000 befragten Schülern 10 Prozent in der Schule gehänselt und schikaniert wurden. Slowenische Studien zeigen, dass 45 Prozent der dortigen Schüler schikaniert und gehänselt wurden. 2004 verkündete die britische Wohltätigkeitsorganisation ChildLine, dass es einen 42-prozentigen Anstieg bei der Gesamtzahl der Kinder gegeben hat, die über einen Telefonnotruf Beratungen zu Hänseleinen und Schikanen in Anspruch genommen haben. Dies ist der höchste Anstieg in der 18-jährigen Geschichte der Organisation. Jedes Jahr rufen ca. 500 Kinder an, die selbstmordgefährdet sind.

- Mädchen werden häufiger gehänselt oder schikaniert als Jungen. 85 Prozent der Angriffe gehen von Jungen aus. Es gibt sehr wenige Studien über Mädchen, die andere hänseln oder schikanieren. 80 Prozent der Gewalt wird von 12 bis 16-jährigen ausgeübt.

Was wird getan?

Die UN-Konvention über die Ausübung der Kinderrechten besagt, dass Kinder sich in der Schule sicher fühlen müssen.

Laut einer durch die Kampagne Global Initiative erstellte Tabelle ist die körperliche Bestrafung in Schulen prinzipiell europaweit verboten, mit Ausnahme der Kanalinsel Jersey, obwohl es nicht bekannt ist, ob die Praxis im Einklang mit dem Gesetz steht.

Kampagnen gegen Hänseleinen und das Schikanieren wurden in vielen Ländern bereits gestartet. Stars wie David Beckham, Prinzessin Caroline von Hannover und Kronprinzessin Victoria von Schweden unterstützen die Kampagnen.

Der Europarat hat 2004 eine Charta für demokratische Schulen ohne Gewalt entworfen. Die Charta wurde von Kindern aus 40 Schulen aus 19 europäischen Ländern ausgearbeitet und europaweit von mehr als 17 000 Schülern angenommen. Sie legt Mittel und Wege fest, wie Schulen auf Gewalt und Drangsalieren auf positive Art und Weise unter Miteinbeziehung von Lehrern, Schülern, Helfern und der lokalen Gemeinde reagieren können.

Programme, die die gesamte Gemeinde einbeziehen und Offenheit an Schulen fördern sind erwiesenermaßen erfolgreich – insbesondere wenn sie eingeführt werden, bevor sich Gewalt zu sehr verbreitet hat. Einige Länder, wie beispielsweise Schweden, prüfen neue Gesetze, die fordern, dass Schulbehörden gesetzlich dazu verpflichtet werden, Hänseleinen, Drangsalieren und Gewalt zu beenden und es für Schüler einfacher machen, Beschwerden einzureichen.

Familie

Die UN-Konvention über die Ausübung von Kinderrechten nennt die Familie “die natürliche Umgebung für Wachstum und Zufriedensein“. Europaweite Studien zeichnen jedoch ein negativeres Bild. Für viele Kinder ist ihr Zuhause nicht der Himmel auf Erden, sondern die Hölle – der Ort, an dem sie die meiste Gewalt erfahren. Und dennoch ist das der Ort, an dem Gewalt am wenigsten sichtbar ist.

Die Gesellschaft zögert immer noch, etwas gegen Gewalt innerhalb der Familie zu unternehmen. Kindern werden vielmehr als „Eigentum“ ihrer Eltern angesehen, denn als Menschen mit eigenen Rechten auf Schutz. Gewalttätige und erniedrigende Bestrafung durch Eltern und nahe stehenden Fürsorgepersonen bleibt weiterhin unrechtmäßig und durchaus üblich in den meisten europäischen Ländern. Schädliche Traditionen wie die weibliche Genitalbeschneidung und Ehrenmorde werden nicht bestraft, aus Ignoranz oder aus Angst, jemanden zu kränken.

Jeden Tag werden viele Kinder in ganz Europa geschlagen, getreten, bedroht, lächerlich gemacht oder isoliert. Wenn dies alles einem Erwachsenen angetan werden würde, würde dies in jedem europäischen Land als Körperverletzung angesehen werden.

Die Tatsachen

Tatsachen und Zahlen zum Thema Gewalt findet man nur schwer. Viele Kinder haben Angst, darüber zu sprechen und Statistiken können durch Suggestivfragen der Forscher oder der Größe oder Art der von ihnen gewählten Gruppe beeinflusst werden. Manche Themen – wie sexueller Missbrauch und schädliche Traditionen – werden erst jetzt dokumentiert: Die große Mehrheit der Fälle wird gar nicht erst zur Anzeige gebracht.

Gewalt in der Familie

- Laut UNICEF sterben im Vereinigten Königreich und Deutschland zwei Kinder pro Woche an Misshandlung. In Frankreich sind es drei Kinder pro Woche.

- Das Mordrisiko ist für Kinder unter einem Jahr drei Mal höher, als für Kinder zwischen eins und vier. Für diese Altergruppe ist das Risiko wiederum doppelt so hoch wie für Kinder zwischen 5 und 14.

- Eine Studie zeigte, dass 93 Prozent der kroatische Schüler im Jahr 2003 Erfahrungen mit Gewalt gemacht haben.

- Die meisten Eltern in einem Großteil der Länder glauben immer noch, dass es nicht schlimm ist, ein Kind zu schlagen oder ihm einen Klaps zu geben.

- In vielen Staaten werden ungefähr 10 bis 30 Prozent der Kinder schwer mit Gürteln, Stöcken oder anderen Dingen misshandelt. In manchen Fällen kann man bereits von Folter sprechen.

- Mehr als die Hälfte der für eine Studie interviewten Kinder in Moldawien sagten, sie wurden geschlagen oder verletzt.

- 45 Prozent zufällig ausgewählter britischer Mütter gaben zu, ihrem Baby bereits vor dem Erreichen des ersten Lebensjahres einen “Klaps” erteilt zu haben.

Sexueller Missbrauch

- Mädchen, Kinder bis 12 und Kinder am Anfang ihrer Teenagerzeit sowie behinderte Kinder tragen das höchste Risiko, Opfer sexueller Gewalt zu werden.

- Studien, die in 14 europäischen Ländern durchgeführt wurden, fanden heraus, dass 9 Prozent der Kinder innerhalb und außerhalb der Familie missbraucht werden: 33 Prozent sind Mädchen, 3 bis 15 Prozent Jungen;

- Im Jahr 2000 zeigte eine rumänische Studie, das 9,1 Prozent der befragten Kinder angab, missbraucht worden zu sein und 1,1 Prozent der Kinder wurde vergewaltigt;


Schädliche Traditionen

- Ehrenmorde, bei denen Familienmitglieder Verwandte töten, die beschuldigt werden, unmoralisch gehandelt zu haben, gibt es seit Jahrhunderten in der Türkei und in Albanien;

- Junge Frauen wurden von ihren Familien in Deutschland, dem Vereinigten Königreich und Schweden ermordet, weil sie sich weigerten, traditionsgemäß zu leben;

- Kinderhochzeiten sind bei den Roma immer noch üblich und haben dazu geführt, dass Mädchen in der Slowakei und in Albanien zur Heirat gezwungen wurden;

- Im Vereinigten Königreich werden laut Außenministerium und Commonwealth Office jedes Jahr etwa 200 Fälle von Zwangsheiraten gemeldet.

Was wird getan?

Berichten zufolge ist Europa anderen Kontinenten voraus, wenn es darum ergeht, Maßnahmen zu ergreifen, um Gewalt gegen Kinder zu beenden. Alle europäischen Länder nehmen schnell Abstand von einer Vergangenheit, in der brutale und erniedrigende Bestrafung von Kindern üblich war und akzeptiert wurde. Schweden startete den Prozess der Gesetzesreform vor über 50 Jahren und war weltweit der erste Staat, der 1979 die körperliche Bestrafung ausdrücklich verbot. Heute ist die körperliche Bestrafung auch in Österreich, Bulgarien, Kroatien, Zypern, Dänemark, Finnland, Deutschland, Ungarn, Island, Italien, Lettland, Norwegen, Portugal, Rumänien und in der Ukraine verboten. Die Niederlande, die Slowakei und Slowenien zählen zu den Ländern, die verkündeten, sie wollen ein Gesetz gegen die körperliche Bestrafung erlassen.

Gesetzesreformen werden immer schneller durchgeführt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat mehrere Urteile verkündet, die es erforderlich machen, dass die Gesetze bezüglich der Gewalt gegen Kinder in Europa strenger ausgelegt werden. Des Weiteren betonte er, dass es die Pflicht der Regierungen sei, nicht einvernehmlichen Sex strafbar zu machen. Programme zur Förderung einer guten Erziehung von Kindern sind ein wachsender Trend in Europa. In Moldawien ist die Ausbildung von Eltern durch das Gesundheitssystem zu einer festen Einrichtung geworden. In Serbien und Montenegro wurden mobile Sozialarbeiter und multidisziplinäre Gruppen in Städten und Großstädten für den Schutz der Kinder eingerichtet. Sie nutzen ihre verschiedenen Berufqualifikationen und mobilisieren die Gemeinschaft.

Medien

Die Medien bestimmen die Art und Weise, wie wir die Welt sehen – und sie stehen an erster Stelle, wenn es darum geht, Einstellungen zum Thema Gewalt gegen Kinder zu ändern. Journalisten, Fotografen, Herausgeber sowie Programmdirektoren übernehmen die Funktionen von Augen, Ohren und Stimme des Volkes und haben die Hauptaufgabe, auf Machtmissbrauch und Verletzungen der Menschenrechte aufmerksam zu machen. Durch ihre Arbeit können sie Regierungen, die Öffentlichkeit und die Zivilgesellschaft dazu bewegen, Veränderungen zu bewirken. Sie sind allein dafür da, Menschen dabei zu helfen, zu verstehen, wie man Gewalt gegen Kinder beenden kann.

Die Berichterstattung muss mit ethischen Grundsätzen in Einklang stehen. Studien zur Berichterstattung von Medien zeigen, dass das Hauptaugenmerk auf schrecklichen Ausnahmefällen liegt, dass Journalisten dem Sensationsjournalismus verfallen, und dass die Tendenz, Geschichten auszubeuten, anstatt sie zu erklären, die Gesellschaft ihre Verantwortung ignorieren lässt.

Das UNICEF-Handbuch Medien und Kinderrechte wurde herausgegeben, um Medienschaffenden, die Artikel über Kinder schreiben, dabei zu helfen, dies verantwortlich zu tun. Sie müssen die Kinder schützen und die betreffenden Erwachsenen, die ihren Pflichten gegenüber einem Kind nicht nachgekommen sind, anklagen.

Organisationen wie der Internationale Journalistenverband verstehen die Verantwortlichkeit von Journalisten nicht nur als faire und genaue Berichterstattung, sondern es liegt auch in ihrer Verantwortung, die Meinungen der Kinder wiederzugeben. Achtung der Kinderrechte ist Teil des ethischen Kodex der Organisation. Sie hat internationale Leitlinien zu diesem Thema ausgearbeitet, um Medienschaffende zu unterstützen (Kindern zu ihrem Recht verhelfen).

Was können Journalisten tun?

• Durch angemessene Berichterstattung über das Thema Debatten zum Thema Gewalt
gegen Kinder in Europe initiieren.

• Die Privatsphäre der Kinder achten und ihre Identität schützen.

• Kindern Zugang zu Medien verschaffen und sie ihre eigene Meinung wiedergeben lassen.

• Die Meinungen der Kinder mit angemessener Achtung vor dem Schutz ihrer Persönlichkeit unterstützen.

• Einen wirksamen investigativen Journalismus sicherstellen, der nicht durch den Schutz von Quellen beeinflusst wird.

• Von Regierungen die Umsetzung der Konvention über die Ausübung der Kinderrechten verlangen.

• Kindesmissbrauch durch eine “Entsexualisierung” der benutzten Sprache bekämpfen und darauf hinweisen, dass die, die ausgebeutet werden, Kinder sind.

• Mit NGOs oder Menschen, denen Kinder vertrauen, bei der Sammlung von Material zusammenarbeiten.

• Projekte fördern, die Kinder miteinbeziehen – wie beispielsweise die Kinder Nachrichtenagentur im Vereinigten Königreich – und von ihnen vorbereitetes Material verwenden.

• Sich bemühen, Themen mit den Augen der Kinder zu sehen – beispielsweise durch Interviews von Straßenkindern zu ihrer Sichtweise der Welt - und eine dementsprechende Berichterstattung.

Was sollten Journalisten vermeiden?

• Sexuellen, gewaltsamen oder opferorientierten Journalismus, der Kindern potentiell schaden könnte.

• Klischeehaftes oder sensationslüsternes Material.

• Das Fördern von Vorurteilen und vorgefassten Meinungen, die zu Intoleranz und Gewalt gegen Kinder beitragen.

• Ein Bild von Heranwachsenden oder Kindern zu pflegen, das diese als sexuell reif darstellt.

• Kinder als die “Bösen” darstellen (z.B. in Berichten über Straßenkriminalität).

Cyberspace

In längst vergangenen Tagen sorgten sich Eltern noch um ihre Kinder, als diese draußen spielten und warnten sie vor dem Verkehr oder Fremden, die nichts Gutes im Schilde führen. Heute ist die ganze Welt für Kinder durch das Internet ein Ort zum Spielen und Entdecken – es ist aber auch ein Ort, an dem viele potentielle Gefahren lauern.

Kinder auf der ganzen Welt nutzen tagtäglich das Internet und es sollte ein sicherer Ort für sie sein, durch den sie die Welt entdecken können. Skrupellose Erwachsene haben sich jedoch diese neue Technologie zu Nutzen gemacht, um Kinder und Jugendliche auszunutzen. Pädophilie und Kinderschänder nutzen das Internet, um sich junge Menschen „heranzuziehen“. Sie dringen in Chatrooms ein, die von Kindern und Jugendlichen benutzt werden und versuchen, die Kinder in ihre Macht zu bekommen oder sie verspüren einen Kitzel, wenn sie eine normale Unterhaltung in etwas Sexuelles verwandeln können. Viele Kinderschänder versuchen, das Kind oder den oder die Jugendliche auch im wirklichen Leben zu treffen – wo diese dann Gefahr laufen, zu wirklichen Opfern zu werden.

Sich schnell entwickelnde Technologien sind die neuen Nährböden für Verbrechen, die Kinder für ihre Zwecke missbrauchen wollen. Was bis jetzt auf Computer beschränkt war, kann nun durch die neue Generation von Mobiltelefonen und Spielkonsolen erreicht werden. Sie haben Pornografen auch die Macht gegeben, ihre Taten zu verschleiern – sie können sehr einfach Fotos von Kindern in nicht-pornografischen Situationen machen (beispielsweise am Strand oder in Schwimmbädern) und sie dann in einem sexuellen Kontext benutzen.

Mobiltelefone stellen eine weitere, unmittelbarere Gefahr für Kinder dar. Natürlich können Kinder sich durch sie auch sicher fühlen, da sie ihre Eltern und Freunde immer kontaktieren können. Sie sind jedoch auch eine neue Waffe für diejenigen, die andere schikanieren und tyrannisieren wollen. Sie senden beleidigenden Textnachrichten, erstellen Webseiten, um jemanden zu belästigen, oder sie führen so genannte „flamings“ durch; d.h. eine Bande sammelt sich und bombardiert eine andere Person mit E-Mails oder Textnachrichten. Cyber-Schikane ist das neue Gesicht eines alten Problems – und sie ist genauso zerstörerisch.

Die Tatsachen

Die Gefahren des Cyberspace sind relativ neu und es gibt nur wenige Statistiken darüber. Der Großteil an Informationen besteht aus Erzählungen, aber eine Studie wurde durchgeführt:

- In einer von der EU in fünf Ländern (Dänemark, Island, Irland, Norwegen und Schweden) durchgeführten Studie wurden 11 000 Kinder und Eltern zu ihrem Onlineverhalten befragt. Zwischen 24% (Island) und 36% (Dänemark) der Kinder gaben an, dass sie unerwünschte sexuelle Kommentare erhalten hatten, während sie das Internet benutzten. Neun Prozent (Dänemark) bis 35% der Kinder haben online eine Person getroffen, die behauptete, das gleiche Alter zu haben und bei der sich dann herausstellte, dass es sich um einen Erwachsenen handelte.

- Die polnische NGO Nobody’s Children fand in ihrer zwischen 2002 und 2003 durchgeführten Studie heraus, dass 56% der interviewten Kinder in eine unerwünschte sexuelle Konversation im Internet verwickelt worden war.

- In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts wurden mindestens 27 Kinder im Vereinigten Königreich vergewaltigt oder schwer sexuell belästigt nachdem sie jemanden im wirklichen Leben getroffen hatten, der Kinder zu sexuellen Aktivitäten heranziehen will.

- Laut britischen Statistiken besitzen 5,5 Millionen Kinder unter 16 ein Mobiltelefon

- In einer im Jahr 2005 durchgeführten britischen Studie wurden 20% der befragten Kinder schon einmal digital schikaniert und tyrannisiert. 14% wurden über ihr Mobiltelefon schikaniert, 5% in Internet Chatrooms und 4% über E-Mails. Von zehn Prozent der Kinder wurde ein Foto gemacht, dass ihnen unangenehm und peinlich war und durch das sie sich bedroht fühlten.

Was wird getan?

Neue Technologien ziehen neue Herausforderungen nach sich. Einige der Phänomene, wie das Schikanieren durch Mobiltelefone – können nur schwer mit rechtlichen Mitteln bekämpft werden. Sensibilisierung ist der meist benutzte Ansatz, um dieses Problem zu bekämpfen, aber es werden auch Schritte unternommen, um Belästigung im Cyberspace zu beenden.

- Die Konvention des Europarates zu Computerkriminalität stellt rechtliche Bestimmungen gegen Kinderpornographie auf. Die Bestimmungen erstrecken sich auch auf das Internet und Mobiltelefone.

- In Großbritannien ist es jetzt strafbar, sich selbst zwecks der Verübung einer sexuellen Straftat mit einem Kind treffen zu wollen, oder ein Treffen für eine dritte Person zu diesem Zwecke zu arrangieren. In den USA ist es strafbar, Informationen über Jugendliche unter 16 zwecks sexuellen Missbrauchs weiterzuleiten. In Australien ist die Verwendung von elektronischen Kommunikationsmitteln, um Jugendliche unter 16 zu einem Treffen zu überreden, verboten.

- Der private Sektor beteiligt sich immer stärker. Internet Serviceprovider blockieren Kinderpornographie und Mobiltelefonbetreiber haben Alterbeschränkungen für einige Dienste und blockieren den Zugang zu bestimmten Webseiten.